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Aus: Gaismair-Jahrbuch 2005

Horst Schreiber

Paulo Coelhos verlogener Bestseller „Elf Minuten”

Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration in Brüssel werden in den EU-Ländern jährlich etwa eine halbe Million Frauen aus Osteuropa, Afrika, Asien, Latein- und Südamerika in die Prostitution gezwungen. Die Dunkelziffer ist vermutlich viel höher. ExpertInnen gehen davon aus, dass mit Frauenhandel weltweit mehr Geld verdient wird als im illegalen Waffen- oder Drogenhandel. Laut Schätzungen werden jährlich rund sieben Milliarden Dollar Gewinn allein in Europa mit Frauenhandel gemacht. [1]

Das Phänomen des Handels mit Frauen ist als Folge der internationalen und geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung innerhalb des globalisierten Weltarbeitsmarktes zu definieren. Die Lebenssituation der betroffenen Frauen ist Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Frauenhandel ist als eine illegale Form der Arbeitskräfteanwerbung von Migrantinnen für die Bereiche Haushalt, Ehe und Sexgewerbe zu begreifen . Mit der Abnahme von legalen Beschäftigungsmöglichkeiten nehmen die illegalen Beschäftigungsverhältnisse zu. Die vorherrschenden restriktiven Einwanderungsbestimmungen fördern daher den Menschen- und Frauenhandel. Betroffene Migrantinnen erfahren weder Schutz noch Unterstützung. Der Kampf der Behörden konzentriert sich auf illegale Migration. Damit werden Opfer von Frauenhandel zu Täterinnen gestempelt: Sie werden wegen illegalem Aufenthalt oder illegaler Tätigkeit verhaftet und ausgewiesen. Deshalb zeigen diese Frauen in den seltensten Fällen ihre Peiniger an. Die Täter bleiben in der Regel ungestraft, das Strafausmaß ist ungewöhnlich gering. Wenn es überhaupt zu einer Anzeige kommt, fallen in der Mehrzahl der Fälle nur Geldbußen an.

Frauenhandel, die Schweiz und Brasilien

Die Migration zahlreicher Brasilianerinnen aus dem Nordosten Brasiliens nach Mitteleuropa auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen hat dazu geführt, dass zahlreiche dieser jungen Frauen in einen Teufelskreis wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung geraten. Viele verlassen ihr Land um in Europa durch Arbeit oder Heirat einen hohen Lebensstandard zu erzielen und um so auch ihre Angehörigen in Brasilien unterstützen zu können. Ihre Anwerbung und Vermittlung gründet sich auf betrügerische Täuschung. Europa und so auch die Schweiz erscheinen als Ort der Chancengleichheit und des Wohlstandes für alle. Versprochen werden gute Verdienstchancen und stabile Lebensverhältnisse. Die Reise in die Schweiz erscheint als Investition in die Zukunft und somit als tragbares Risiko. Doch der Traum vom „Märchenprinzen” und von besseren Arbeitsmöglichkeiten endet oft als Alptraum in erniedrigenden Ehen oder im Animiergewerbe und in der Prostitution. Die brasilianischen Migrantinnen sehen sich in der Schweiz zumeist extremer Fremdbestimmung ausgesetzt. Ihre Arbeits- und Lebenssituation ist geprägt durch faktische Rechtlosigkeit aufgrund aufenthaltsrechtlicher Abhängigkeiten. Generell werden in der Schweiz jährlich schätzungsweise 1.500 – 3.000 Frauen Opfer des Menschenhandels.

In der Schweiz können Frauen mit einem sogenannten „Tänzerinnen-Visum” in Cabarets und Nachtclubs für maximal acht Monate pro Kalenderjahr arbeiten. Die Koppelung der Aufenthaltsbewilligung an den Arbeitsvertrag zieht die Ausweisung nach dem Stellenverlust nach sich. Einerseits entwickeln sich dadurch massive Abhängigkeiten vom Arbeitgeber, andererseits werden dadurch Migrantinnen mangels der Möglichkeit legalen Tätigkeiten nachzugehen in den Sexmarkt gedrängt. Einziger Ausweg besteht in der Heirat eines Schweizers, womit ein neues Abhängigkeitsverhältnis entsteht, da der Aufenthalt während der ersten fünf Jahre vom Bestand der Ehe abhängt.

Diese Rechts- oder besser gesagt Herrschaftsverhältnisse schaffen ideale Bedingungen zur Ausbeutung der Körper von Migrantinnen, nach denen in der Schweiz so wie in den anderen EU-Ländern eine ungeheure Nachfrage besteht. Unter diesen Marktbedingungen sichert die Ware Frau einem kleinen Kreis von „Unternehmern” hohe Profitmöglichkeiten. Während nach Schätzungen lediglich 15 Prozent der Einnahmen an die Prostituierten weitergegeben werden, verdient nach Kalkulationen von INTERPOL ein Zuhälter in Europa an einer Prostituierten ungefähr 168.000 Schweizer Franken jährlich. Bereits 1995 wurden in der Schweiz 4,2 Milliarden Franken im Sexgewerbe umgesetzt. 60 Prozent davon sollen mit illegalisierter Prostitution erwirtschaftet worden sein. Die Prostitution macht zwei Drittel der gesamten Sexindustrie aus – rund 350.000 Schweizer Männer besuchen jährlich mehrmals Bordelle.

Das Buch: Plattitüden, Banalitäten, Männerphantasien und Marketing für den Frauenhandel

Der Millionenbestseller von Paolo Coelho spart diese soeben geschilderte Realität des Frauenhandels, der indirekt im Zentrum seines Romans steht, nicht nur völlig aus, er idealisiert ihn sogar und lässt Migrantinnen glauben, dass ihre Träume in Europa durchaus in Erfüllung gehen können.

Worum es in Coelhos Roman geht, ist schnell zusammengefasst. Die Brasilianerin Maria kommt in der Hoffnung auf Arbeit, Geld, Unterstützungsmöglichkeiten für ihre Eltern, Liebe und einen Ehemann in die Schweiz, wo sie als Sambatänzerin Star werden soll. Zunächst wird sie für kurze Zeit ausgenutzt. Da die Schweiz aber ein Rechtstaat ist, kann sich Maria rasch von anfänglichen Abhängigkeiten lösen und ihre Chance nutzen. In kürzester Zeit lernt sie Französisch, die Mentalität der Schweizer und ihrer Freier kennen. Maria hat sich nämlich aus freien Stücken entschlossen Prostituierte zu werden und wird sogleich eine Meisterin ihres Faches. Sie verdient ausgezeichnet, die Freier sind umgänglich und vor allem sehr, sehr einsam und unglücklich, aber dafür gutaussehend. Irgendwie sind sie Opfer und leiden und Maria betreut sie seelisch und hat viel Mitleid mit ihnen. Ihr Chef im Nachtclub ist korrekt bis verständnisvoll. Ihre Freier führen sie in die Geheimnisse der Sexualität ein und werden ihre Lehrmeister, bis sie wieder jungfräulich wird, hingebungsfähig die heilige Sexualität zu leben versteht und vor allem die Liebe findet in der Gestalt eines reichen und schönen Malers, den sie auch heiratet.

Bei der Lektüre des Romans vermeint man geradezu, dass Coelho vom Sexbusiness beauftragt worden sein muss, einen derart die Realität in ihr Gegenteil verkehrenden Roman zu verfassen.

Dabei ist der Text nicht nur infam und niederträchtig reaktionär, er strotzt auch sonst von banalen Männerphantasien, die sich aufklärerisch als große Lebens- und Liebesphilosophie ausgeben und wegen ihrer Lächerlichkeit und bildungsbeflissenen Aufgeblasenheit unfreiwillige Heiterkeit auslösen. Die Eitelkeit und Selbstbeweihräucherung des Autors nimmt in seinem Nachwort und in seiner Schlussbemerkung geradezu groteske Formen an. Sein nachhaltiges Insistieren auf die Authentizität seiner story und die ethische Verpflichtung des Schriftstellers zu Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit straft ihn bei jedem Wort Lügen.

Wie wahrhaft diese Geschichte der mittellosen brasilianischen Migrantin Maria aus der krisengeschüttelten brasilianischen Provinz sein soll, die innerhalb eines Jahres in einer fremdenfreundlichen Schweiz im Ambiente des Prostitutionsmilieus zu ausreichend Geld, einer geradezu mystisch spirituellen und gleichzeitig ekstatisch-sinnlichen, ja transzendenten Sexualität sowie zu einem äußerlich und sozial attraktiven Mann gelangt, verdeutlicht uns Coelho in seinem Nachwort: „Wie alle Menschen auf der Welt – und in diesem Fall fürchte ich mich keineswegs vor Verallgemeinerungen – habe ich lange gebraucht, um die heilige Seite des Sex zu entdecken.” Der Zufall will es, dass ihm anlässlich eines Vortrags in Mantua 1997 ein Manuskript überreicht wird – „die wahre Geschichte einer brasilianischen Prostituierten” . 2000 ruft er sie auf der Durchreise nach Zürich an, um ihr mitzuteilen, dass ihm ihr Text gefalle und empfiehlt ihr, diesen an seinen brasilianischen Verlag zu schicken. Dummerweise folgt dieser dem Geschmack seines Bestsellerautors nicht und lehnt eine Veröffentlichung ab. Coelho bemerkt dazu: „(…) wer weiß, vielleicht interessiert sich ja einmal jemand für ihr Buch!” Durch die besagte Prostituierte erhält Coelho Zugang zum Rotlichtmilieu, die Prostituierten reißen sich um das Signieren seiner Bücher und selbst bei offiziellen Lesungen erscheinen sie. Mit einer der Prostituierten ergibt sich ein reger Gedankenaustausch in mehreren Treffen und so entsteht der rote Faden von „Elf Minuten” .

Am 29. Mai 2002, kurz vor Vollendung seines Buches, füllt sich Paulo Coelho in der Grotte von Lourdes „ein paar Gallonen des wundertätigen Wassers ” ab und fühlt sich bei der Begegnung mit einem ihm Unbekannten über dessen Lob überglücklich, dass diesen seine Bücher zum Träumen bringen. Aber, so der Autor : „In diesem Augenblick war ich jedoch sehr erschrocken – denn ich wußte, daß Elf Minuten ein schwieriges, sperriges, schockierendes Thema behandelte.” Lassen wir nun den Autor mit seinem schockierenden Thema ausführlich zu Wort kommen.

Wie eine brasilianische Prostituierte in der Schweiz selbstmächtig ihre Entscheidungen trifft, den Märchenprinzen findet und reich und glücklich wird

Als die bildhübsche Maria, Tochter eines Bauern und einer Schneiderin, die in einem Stoffladen in einem kleinen Kaff im wirtschaftlich unterentwickelten Nordosten Brasiliens arbeitet, die Selbstbefriedigung entdeckt, gibt sie endgültig ihren Plan auf Nonne zu werden, nicht aber ihren größten Traum: ein Ehemann, Kinder und ein Haus mit Meerblick. Vor allem aber: „Ich möchte herausfinden, was das ist: die Liebe. (…) Ich will begreifen, was Liebe ist, aber bislang leide ich nur.” Da die Beziehungen zu den brasilianischen Männern „nur Schmerz, Frustration und Kummer” nach sich ziehen, reift schon früh ihr Wunsch fortzugehen. Da bietet ihr ein Schweizer einen Job als Sambatänzerin an, sie unterschreibt einen Vertrag und erhält einen großen Vorschuss, doch in Genf ist alles anders als vereinbart, der Lohn viel geringer als erwartet und die bisherigen Ausgaben für sie werden vom Lohn abgezogen.

Abhängigkeit, Schuldknechtschaft? Nein, nicht mit Maria, die raschest Französisch lernt: „Ich habe die Wahl, entweder ein Opfer der Welt zu sein oder eine Abenteuerin auf der Suche nach ihrem Schatz. Es ist alles nur eine Frage, wie ich mein Leben angehe.” Da wird sie doch lieber Abenteuerin. Als sie wegen einer Bagatelle entlassen werden soll, weiß sie sich zu wehren und droht mit dem Anwalt wegen Sklavenarbeit. Die ist nämlich in der Schweiz verboten. Der Erpressungsversuch funktioniert, ihr Chef bekommt es mit der Angst zu tun, dass die Migrantin Maria den Rechtsweg beschreitet. Also händigt er Maria notgedrungen 5.000 Dollar aus.

Nachdem sich die Schweiz als Land der unbegrenzten Möglichkeiten für Migrantinnen herausgestellt hat, beschließt Maria selbstbestimmt „nun Geld mit ihrer Schönheit zu verdienen. (…) Ihr war vollkommen bewusst, daß sie entlassen worden war, um sich ihrem eigentlichen Schicksal zu stellen. Ihr Traum war, Fotomodell oder Mannequin zu werden.” Über eine Arbeitsgenehmigung und eine Aufenthaltsgenehmigung verfügt sie natürlich. Allerdings beginnt sie an ihrer Schönheit zu zweifeln, weil trotz ihrer Fotomappe keine Agentur anruft und sie nie von einem Mann angesprochen wird. Gott sei Dank erfährt sie von einer Kollegin, dass es nicht an ihr liegt, denn: „Die Schweizer wollten eben niemanden stören, und die Ausländer hätten Angst, wegen ‚sexueller Belästigung’ festgenommen zu werden.”

Endlich ruft doch eine Modelagentur an, weil sich ein arabischer Modefotograf mit ihr treffen will. Der Araber ist elegant und sehr gut aussehend, sie nimmt sein Angebot auf einen „Drink” in seinem Hotelzimmer für 1.000 Schweizer Franken nach einigem Zögern an, um danach festzustellen: „Ich habe herausgefunden, warum ein Mann für eine Frau bezahlt: Er will glücklich sein. Er will nicht tausend Franken bezahlen, nur um einen Orgasmus zu haben. Er will glücklich sein. Ich will auch glücklich sein, alle wollen wir glücklich sein, aber keiner ist es. (…) Früher hielt ich die Mädchen, die für Geld mit jemandem ins Bett gehen, für Frauen, denen das Leben keine andere Wahl gelassen hat – und jetzt sehe ich, daß das nicht stimmt. Ich hätte nein sagen können, keiner hat mich gezwungen. (…) Ich bin kein Opfer (…). Ich hatte viele Möglichkeiten, dennoch habe ich das Schicksal für mich entscheiden lassen, welchen Weg ich einschlug.”

Die 1.000 Stutz in der Tasche vermitteln ihr „ein starkes Gefühl von Freiheit” und so beschließt sie für eine Zeit lang Prostituierte zu werden. Schnell macht sie sich in Aufklärungsbüchern, Pornomagazinen und Dessousgeschäften kundig und sucht sich eine Bar mit dem laut Coelho „suggestiven Namen” >Copacabana< aus. „Es war nur ein Versuch. Sie hatte sich in der ganzen Zeit, seit sie in der Schweiz war, nie besser und freier gefühlt.”

Im >Copacabana< trifft sie auf Milan, den Besitzer des Nachtclubs, einen netten Kerl mit guten Umgangsformen und festen Prinzipien wie „Kein Alkohol im Dienst”. Zwar ist Maria enttäuscht, dass der Preis ihres Körpers nur 350 und nicht 1.000 Franken ausmacht, immerhin muss sie Milan aber nur 50 Franken geben. Nach getaner Arbeit empfindet Maria „eine gewisse Zärtlichkeit sich selbst gegenüber, ist zufrieden, weil sie nicht weggelaufen ist.” Doch die Seele spricht nicht mehr mit Maria. „Es liegt daran, daß ich schon so lange die Liebe aus meinen Gedanken verbannt hatte. (…) Aber wenn ich nicht an die Liebe denke, bin ich nichts.”

Nachdem Maria bemerkt, dass es in ihrem neuen Beruf besonders wichtig ist, die seelischen Bedürfnisse der Freier zu befriedigen ( „alle litten aus irgendwelchen Gründen” ), bildet sie sich autodidakt weiter und siehe da, sie wird binnen kürzester Zeit, „eine respektable Hure, sie war anders als ihre Kolleginnen, und nach sechs Monaten in ihrem Beruf hatte sie eine hochkarätige, große und treue Kundschaft” und 60.000 Franken am Bankkonto. Maria rechnet aus, dass der eigentliche Sex der Männer 11 Minuten dauert und hat Mitleid mit den Männern, die für diese 11 Minuten ihr ganzes Leben ausrichten und immer Angst haben: a) Angst vor einer Frau (etwa Gattin, sogar Mutter!!) und b) Angst keinen hochzukriegen. Vor allem letzteres ist den Männern dann peinlich. „Man musste vermeiden, daß sie sich schämten.” Dank ihrer neuen Erfahrungen weiß sie jetzt, „daß sie nicht die einzige war, die sich einsam fühlte. (…) Die Männer im >Copacabana< und die vielen anderen, die ihre Begleitung suchten, litten wie sie selbst unter diesem zerstörerischen Gefühl – dem Gefühl, niemandem auf der Welt wichtig zu sein.”

Und nach der Lektüre der vielen Bücher, die sie für ihre Arbeit als Hure lesen muss (Prostitution bildet!), gelangt Maria zur Erkenntnis: „Niemand hatte vernünftig über diese elf wichtigsten Minuten des Lebens geschrieben. Vielleicht war dies ihr Schicksal (…): ein Buch zu schreiben, ihre Geschichte, ihr Abenteuer zu erzählen. (…) und sie überlegte sich sogar einen Titel: Elf Minuten.” Doch sogleich fällt Maria ein, dass es doch etwas wichtigeres als diese elf Minuten gibt: Liebe – und dass es Freiheit nur dort gibt, wo Liebe ist und dass sich frei fühlt, wer am meisten liebt und dass keiner einen anderen besitzen kann usw. Schließlich beschließt sie doch kein Buch zu schreiben, sie will lieber eine Farm in Brasilien aufbauen und alle Energien in dieses Projekt investieren. Doch die Liebe fehlt, Maria wird zwar nächtlich reicher aber innerlich leerer.

Endlich kommt es zur entscheidenden Begegnung. Sie trifft einen Maler, jung, attraktiv, reich und berühmt, der durchaus schon in Marias Etablissement verkehrte, aber dennoch prinzipiell an Sex keinen Gefallen mehr findet, weil ihn dieser langweilt. Ralf Hart interessiert sich tatsächlich für Maria, denn: „Du hast ein Leuchten. Es kommt von deinem starken Willen, deiner Kraft, wie sie nur Menschen haben, die bereit sind, zur Verwirklichung ihrer Ziele große Opfer zu bringen.”

Jetzt bekommt Maria ein Problem, denn die Leidenschaft in ihr ist geweckt. Sie weiß nicht, ob die Hingabe oder das Fernhalten zerstörerischer ist. Doch bald gesteht sie sich ein, dass sie tagelang insgeheim nur auf Ralf gewartet hat, es kommt, wie es kommen muss: „Und in diesem Augenblick akzeptierte sie alles, was das Schicksal ihr beschert hatte.”

Ralf will von Maria gerettet und ins Leben zurück gebracht werden. „Du hast recht, ich bin nur sechs Jahre älter als du, und doch habe ich schon mehrere Leben gelebt. Unsere Erfahrungen sind vollkommen unterschiedlich, aber wir sind beide verzweifelt. Das einzige, was uns Frieden schenkt, ist, zusammenzusein.”

Die beiden schlafen nicht sofort miteinander, sondern öffnen sich einander zuerst ganz persönlich. Maria (sie hat keinen Nachnamen) schenkt Ralf Hart in einem heiligen Ritual einen Kugelschreiber: „Als Zeichen meiner Achtung vor dem Menschen, der vor mir sitzt, damit er versteht, wie viel es mir bedeutet bei ihm zu sein. Jetzt hast du einen kleinen Teil von mir, den ich dir freiwillig und spontan gegeben habe.” Ralf Hart wendet sich daraufhin an Maria: „Das ist der Waggon einer elektrischen Eisenbahn, die ich als kleiner Junge hatte. Ich durfte nie allein damit spielen, weil mein Vater sie dafür zu kostbar fand. (…) Diese unversehrte Eisenbahn (…) erinnert mich immer an einen ungelebten Teil meiner Kindheit (…). Ralf, der weiter wie hypnotisiert ins Feuer starrte und vermutlich an seinen Vater dachte, machte keine Anstalten aufzustehen. (…) Obwohl wir uns nicht ausgezogen haben und ich nicht in dich eingedrungen bin, dich nicht einmal angefasst habe, haben wir uns geliebt.”

Bald darauf kommt es zu einer Begegnung mit einem der „speziellen Freier” , auf die Maria immer so neugierig war. Er ist jung, gutaussehend, perfekte Zähne, bestens gekleidet, kultiviert. Bei ihm lernt sie, was Schmerz und Leiden mit Lust zu tun haben, sie lernt die eigenen Grenzen zu ergründen. Maria hat ein Problem, sie hat mit einem Mann noch nie einen Orgasmus erlebt. Terence, so der Name des „speziellen Freiers” , ist ein Meister des sadomasochistischen Rollenspiels. Selbstredend gelingt es ihm sie in ihre „eigene Freiheit zu stoßen” und sie in die vollkommene Selbstaufgabe, in ein „geradezu religiöses Gefühl” zu führen. Als er schließlich mit dem Griff der Peitsche ihre Klitoris berührt, kommt plötzlich „der Orgasmus, ein Orgasmus, wie ihn Dutzende, Hunderte von Männern in all den Monaten nicht hatten wecken können.” Nach ihrem ersten Orgasmus mit einem Mann, durch den sie sich Gott näher fühlt, weiß Maria nun: „Bei der körperlichen Liebe liegt die Kunst in der Kontrolle und im Kontrollverlust.”

Ralf Hart betritt nun aber rechtzeitig wieder die Szene und entpuppt sich als der wahre Lehrer. Maria lernt 1.) dass Sadismus und Masochismus mit dem wahren Leben nichts zu tun haben, 2.) dass sie jenseits der Schmerzgrenze „eine merkwürdige spirituelle Kraft” entwickeln und zu einem „geheimnisvollen ‚Frieden’” gelangen kann und 3.) dass es eine gewöhnliche Prostitution zur Erreichung von Geld und Macht gibt und eine heilige Prostitution als Dienst für eine Göttin. Daraufhin ist Maria zu Tränen gerührt und ein schönes Stück weiter, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen. Sie notiert in ihr Tagebuch: „ICH HASSE, WAS ICH TUE. Es zerstört meine Seele, (…) zeigt mir, dass (…) Geld alles kauft, alles rechtfertigt.” Die Freier sind unglücklich, die Prostituierten sind unglücklich und sie gesteht sich nach langem Kampf nun ein, dass auch sie unglücklich ist. Logische Schlussfolgerung: „(…) ich muß lieben – nur das, ich muß lieben.”

Maria wird wieder rein und jungfräulich. Sie beginnt Ralf Hart zu liebkosen, „wie es nur Jungfrauen können” , sie kontrolliert ihre orgasmische Energie, denn „sie will genau dies: aufhören, mittendrin aufhören, die Lust durch den Körper fließen lassen, Geist und Begehren wieder erneuern, wieder Jungfrau sein.”

Nach der symbolischen Rückeroberung ihrer Jungfräulichkeit geht es Schlag auf Schlag und Maria eilt von Erkenntnis zu Selbsterkenntnis. Beispielsweise: Geld ist nicht alles, man muss seinen Traum ohne Aufschub sofort im Hier und im Jetzt leben. So beschließt sie ihren nächsten Kundentermin sausen zu lassen. Sie denkt an das letzte Zusammensein mit Ralf Hart, und dann geschieht es, mitten auf der Straße: „Sie blickt auf die riesige Wassersäule im See und hatte an Ort und Stelle, vor allen Leuten und ohne sich zu berühren, einen Orgasmus. Maria ist fast am Ende ihres Weges zum richtigen Leben und Lieben angelangt. Sie kündigt im >Copacabana<, um in ihre Heimat zurückzukehren. Ihr Chef, der Milan, versteht das selbstverständlich sehr gut, denn: „(…) er war ein guter Mensch. Er gab ihr zwar nicht direkt seinen Segen, unternahm aber auch nichts, um sie umzustimmen.” Milan, der Ehrenhafte, lässt sich auch nicht lumpen, er spendiert eine Flasche Champagner.

Maria ist zufrieden. Nach einem Jahr Schweiz hat sie ihre Träume realisiert: Sie hat viel Geld verdient, um eine Farm für die Eltern kaufen zu können, das Leben und sich selbst kennen gelernt und ist einem Mann begegnet, den sie „bedingungslos” liebt. „Es gab nicht viele Menschen, die in einem Jahr so viel erlebt hatten.”

Noch rechtzeitig vor Marias Abreise geht Ralf Hart aufs Ganze und zwar in der „konventionellsten aller Stellungen” . Maria denkt noch, wie gut es ist „sich hinzugeben und nicht zu besitzen!” , und schließlich der Höhepunkt der Höhepunkte : „Als seine Hand mich zum vierten Orgasmus führte, trat ich in einen Raum ein, in dem alles Frieden war, und bei meinem fünften Orgasmus trat ich aus mir heraus und gab mich ganz hin.” Diese Hingabe führt zu guter letzt zu Marias sechstem Orgasmus, der natürlich der gemeinsame ist: „Und ich kam mit ihm. Es waren keine elf Minuten, sondern eine Ewigkeit (…).” Nach getaner erfolgreicher Körperbetätigung – „Wir drückten uns aneinander, als wäre es für uns beide das erste Mal gewesen.” – meldet sich Ralf Hart zu Wort: „‚Segne mich’, bat er. Ich segnete ihn, ohne zu wissen, was ich da tat. Ich bat ihn, es mir nachzutun, und er tat es mit den Worten: ‚Gesegnet sei diese Frau, die ich so liebe.’”

Doch Maria muss Ralf Hart verlassen, denn wenn sie bliebe, würde sie ihn besitzen wollen. Sie tritt die Heimreise an, doch am Flughafen von Paris holt Ralf sie ein. Maria ist aller liebesphilosophischer Bedenken zum Trotz nun doch zu einem happy end bereit. Schlussbild: „Sie küßte ihn. Nur eins stand fest: Sollte eines Tages jemand beschließen, ihre Geschichte zu erzählen, dann müßte er sie mit den Worten beginnen, mit denen die Märchen anfangen: Es war einmal…”.

In seiner Schlussbemerkung unterstreicht Coelho, dass er sich selbst gegenüber verpflichtet ist, „über das zu sprechen, was mich beschäftigt, nicht über das, was alle gern hören würden. Einige Bücher bringen uns zum Träumen, andere führen uns zur Realität, aber mit keinem Buch darf der Autor aufgeben, was ihm am wichtigsten ist: die Aufrichtigkeit, mit der er schreibt.”


[1] Die nachstehenden Informationen wurden entnommen aus (Zugriff jeweils 22.7.2004): www.fes.de/…. (Lea Ackermann: Prostitutionstourismus und organisierter Frauenhandel mit Frauen aus Ländern der dritten Welt: Ausmaß und Hintergründe), www.nfp40.ch/… (Gesellschaftliche Determinanten des Frauenhandels aus der Perspektive betroffener Migrantinnen in der Schweiz), www.efriz.ch/… (Maritza Le Breton: „Frauenhandel” im Kontext restriktiver Einwanderungspolitik; siehe auch die vom Fraueninformationszentrum herausgegebene Dokumentation „Betrogen und verkauft. Frauenhandel in der Schweiz und anderswo.”), www.afb-bbz.de/… (Jahresbericht des Fraueninformationszentrums für Migrantinnen in Stuttgart – FIZ 1998), www.google.de/search… (Verein IMBRADIVA, Iniciativa de Mulheres Brasileiras contra Discriminação e Violência. Brasilianische Fraueninitiative gegen Diskriminierung und Gewalt, Jahresbericht 1998) sowie www.swissinfo.org/… und www.ref-sg.ch/…. Siehe auch den Link NGO gegen Frauenhandel www.stop-traffic.org.


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Abgerufen am: 17-08-2017