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Aus: Gaismair-Jahrbuch 2001

 
Horst Schreiber

„Als wir bittere Not litten, kümmerte sich kein Jugendamt um unsere Kinder“. Frauen und Kinder in den Nachkriegsjahren

Nahrungsmittelmangel, Hungererfahrung, Wohnungsnot, Energieengpass, Flüchtlingselend, Tausende Tote - dies alles sind nur einige Charakteristika der wirtschaftlichen und sozialen Situation in Tirol nach dem Zweiten Weltkrieg. Bischof Paulus Rusch stellte zu dieser „Mangel- und Knappheitsgesellschaft“ im Oktober 1947 fest: „Wir sind eben leider ein Land, das im Zustand der Verarmung ist. Dieser Tatsache müssen wir, so bitter es ist, offen und ehrlich ins Auge schauen.“ Bis 1948 lagen die Lebensmittelrationen, die über ein Kartensystem an die Bevölkerung zur Verteilung kamen, zum Teil wochenlang bei unter 1.000 Kalorien, ansonsten zwischen 1.100 und 1.400 Kalorien. Die Lebensmittelknappheit dauerte jedenfalls jahrelang an. Noch 1947 betrug die Zuteilung an Nahrungsmitteln im Durchschnitt nicht mehr als die Hälfte des Bedarfs eines Erwachsenen. Der „chronische Hungerzustand“ führte besonders in der Landeshauptstadt zu großen gesundheitlichen Problemen, die vor allem Kinder und alte Menschen traf. Eine Untersuchung bei über 9.000 Innsbrucker Schulkindern ergab, dass „fast die Hälfte“ unterernährt war, bei den Lehrlingen waren es beinahe zwei Drittel. Zu den drückendsten Alltagssorgen der Mütter zählten daher Erkrankungen der Kinder. Aufgrund der Unterernährung tauchten Krankheiten wie Tuberkulose wieder auf, doch auch banale Krankheiten wie Erkältungen führten mangels geeigneter Medikamente und nötiger Widerstandskraft zu lebensbedrohlichen Zuständen. In der „Tiroler Tageszeitung“ konnte man lesen: „Was wir jeden Tag essen, womit wir kochen sollen, das ist heute unsere Hauptfrage.“ Diese bange Frage stellten sich in erster Linie die Frauen und Mütter, da die Ernährungskrise von den privaten Haushalten aufgefangen werden musste und die Familienerhaltung nun einmal kriegsbedingt von Frauen geleistet wurde. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch die Versorgung mit wichtigen Gütern des täglichen Bedarfs wie Seife, Waschmittel, Schuhe usw. zusammengebrochen war. Ein Zeitzeuge berichtet über die Ernährungslage folgendes: „Bettelnde Kinder schlichen wie hungrige Katzen um die amerikanischen Feldküchen, um Essensreste, die für sie unbekannte Leckerbissen waren, zu erhaschen.“ Wiederholt kam es daher zu Hungerdemonstrationen hunderter Frauen in Innsbruck und Schwaz. Dabei flogen auch Steine gegen das Landhaus.

Aufgrund der erheblichen Bombenschäden und der Beschlagnahmung von Wohnraum durch die französische Besatzungsmacht war die Wohnmisere, speziell in Innsbruck und den Ortschaften an der Westbahn des Unterinntals, enorm. Tausende Menschen mussten in Tirol jahrelang in feuchten, verschimmelten und völlig überbelegten Räumen, Baracken und Flüchtlingslagern wohnen. Bei Kriegsende befanden sich ja zusätzlich zur einheimischen Bevölkerung noch über 100.000 Menschen in Tirol. Über die Ursache der Verwahrlosung und der Zuführung von Kindern und Jugendlichen in Heimen schrieb der „Volksbote“, dass

„manche Lager ausschließlich für Alte, Kranke, Kriegerwitwen mit Kindern oder andere Menschen, die der öffentlichen Fürsorge bedürfen, bestimmt [sind] und so werden Familien wieder auseinandergerissen, die vielleicht erst nach Jahren zusammengefunden haben. In solchen Lagern fanden auch des öfteren geflüchtete Fürsorgezöglinge längere Zeit Unterschlupf.“

Mit Recht kann von teilweise „slumartigen“ Wohnverhältnissen gesprochen werden. Der Innsbrucker Vizebürgermeister berichtete im Sommer 1946: „Keineswegs selten sind die Fälle, in denen acht, zehn und mehr, ja bis zu 16 Personen in zwei Räumen wohnen, in denen zwei Erwachsene und noch ein oder zwei Kinder in einem einzigen Bett schlafen.“ Ein Drittel der österreichischen Kinder hatte kein eigenes Bett, die hygienischen Zustände führten gerade bei den Kleinen zu zahlreichen Krankheiten, die miserable und beengte Wohnsituation wirkte sich äußerst negativ auf Beziehungen und Familienverhältnisse aus. Der Bericht des Innsbrucker Bürgermeisters von 1951 über die Notunterkünfte der Stadt war geradezu vernichtend. So wohnte etwa eine Mutter mit ihrem lungenkranken Sohn in einem einzigen Raum, weshalb der Arzt verordnet hatte, bei offenem Fenster zu schlafen: „Doch da springen die Ratten über die Betten. Also müssen die Fenster zubleiben! Was soll daraus werden?“ Am Wohnungsamt spielten sich dramatische Szenen ab. Eine Frau legte ihren zehn Monate alten Buben auf den Schreibtisch und lief davon, als der Beamte in den Akten kramte. Das Kind wurde der Fürsorge übergeben.

Überlebenssicherung in Frauenhänden

 Riedmann nennt ungefähr 15.000 tote Tiroler „auf allen Schlachtfeldern Europas“, Nussbaumer zählt über 6.000 Kriegssterbefälle und rund 2.360 Vermisste auf. Dazu kommen noch Tausende politisch und ‚rassisch’ Verfolgte, Bombenopfer sowie die vielen Zivilpersonen, Frauen und Männer, und Kriegsteilnehmer, die in ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit schwer beeinträchtigt blieben.

Aufgrund dieses Umstandes und der beträchtlichen Zahl Kriegsgefangener zeichnet sich die Tiroler Nachkriegsgesellschaft durch einen sogenannten „Frauenüberschuß“ aus. Bei den ersten Nationalratswahlen in Tirol am 25. November 1945 waren zwei Drittel aller Wahlberechtigten Frauen. Andererseits waren Frauen aufgrund des „Männermangels“ wie bereits während des Krieges dazu gezwungen, die Überlebensarbeit in der Landwirtschaft, der Produktion und in der Reproduktion zu leisten. Als „Trümmerfrauen“ waren sie wesentlich daran beteiligt, die Berge von Schutt wegzuräumen.

„Nur-Hausfrauen“ wurden bei der Einstufung im Zuteilungssystem für Lebensmittel benachteiligt, obwohl ihre Reproduktionsarbeit in jener Zeit als Schwerarbeit anzusehen war. Mit der Übernahme dieser anstrengenden körperlichen Arbeit konnte die Existenz der Familie abgesichert werden, während dies auch die einzige Möglichkeit war, vom Status der Normalverbraucherin wegzukommen und über den Arbeitsnachweis als „Trümmerfrau“ höhere Lebensmittelzuteilungen für sich und die Kinder zu erhalten.

Der deutliche Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit, der in Tirol bis 1960 anhielt, bedeutete weniger einen emanzipatorischen Aufbruch als einen ungeheuren Arbeitskräfteverschleiß, ein nicht zu übersteigendes Maß an Ausbeutung und Selbstausbeutung aller physischen und psychischen Kräfte.

„Die Mehrfachbelastung Beruf-Haushalt-Familie war durch die allgemeine Mangelwirtschaft weit größer als heute. Von Entspannungswochenenden, Urlaub oder Freizeit konnte keine Rede sein, für die meisten Familien war es schon eine Katastrophe, wenn die berufstätige Mutter einmal erkrankte.“

Doch wohin mit den Kindern? Auch in diesem Punkt waren die Frauen völlig auf sich allein gestellt. Sehr viele Kinder waren deshalb den ganzen Tag sich selbst überlassen, was für viele Frauen eine zusätzliche psychische Belastung war. Selbst wenn der Vater aus dem Krieg zurückgekehrt und beschäftigungslos war, bedeutete dies noch keineswegs, dass der Nachwuchs versorgt war. Da also viele Mütter für den Unterhalt der Familie sorgen mussten, verblieb ihnen natürlich zu wenig Zeit, Liebe und Geborgenheit zu vermitteln. Dazu kommen die mannigfachen seelischen Probleme der Kriegs- und Nachkriegskinder sowie der Jugendlichen angesichts der Erfahrungen von Krieg und Zusammenbruch, veränderter Ideale und toter bzw. vermisster Väter. Den Folgen der psychischen Probleme, die sich in Verhaltensstörungen, außergewöhnlichem Trotzverhalten und bisweilen sehr provokanter Aufsässigkeit äußerten, standen die Frauen allein gegenüber.

„Zerrüttete Ehen – ein Leiden der Zeit“

So beschrieb die „Tiroler Tageszeitung“ die Krise der Geschlechterbeziehungen. 33.250 Tiroler Soldaten kehrten schließlich aus dem Krieg zurück. Die familiären Probleme wurden deshalb nicht kleiner. Frauen und Kinder hatten sich während der langen Abwesenheit verändert, waren selbstbewusster geworden. Viele Kinder kannten ihren Vater nicht oder kaum bzw. fürchteten sich vor ihm. So gelang es den heimkehrenden Vätern oft nicht, der „eingespielten Mutter-Kind-Einheit ihren erzieherischen Stempel aufzudrücken“.

Viele Heimkehrer waren nicht mehr die Menschen, als die sie in den Krieg gezogen waren. Der Krieg wirkte verrohend, teils hatte auch die Gewaltbereitschaft deutlich zugenommen. Die Rückkehr gestaltete sich für die Männer anders als erhofft. Mit den Kindern, auf die sie sich gefreut hatten, erlebten sie nun ungeahnte Schwierigkeiten. Ehekonflikte häuften sich, die Zahl der Scheidungen stieg rasch an, wobei in besonderem Maß die während des Krieges geschlossenen Ehen betroffen waren. Eine ähnlich hohe Scheidungszahl wie 1948 wurde erst wieder im Jahr 1975 verzeichnet.

Doppelte Moral

 Besonders thematisiert wurde in der Nachkriegszeit die eheliche Treue der Frauen. Damals wurde von einem „Heimkehrerkomplex“ gesprochen, der Männer nach zeitgenössischer Darstellung völlig grundlos zu permanenter Eifersucht treiben würde. Selbstwertgefühl und männliche Identität waren nach Krieg und militärischen Niederlage schwer erschüttert, dazu kam oft eine körperliche und psychische Versehrtheit. Die Soldaten der Alliierten erschienen nun als übermächtige Konkurrenz mit einer bedrohlichen sexuellen Dimension.

Frauen und Mädchen, die Beziehungen mit Männern der Besatzungsmacht hatten, wurden in der Öffentlichkeit heftig angegriffen und als „Huren“ abgewertet. Der „Hunger nach Leben und Kalorien“ dieser Frauen wurde verunglimpft und in ein Frauenbild verpackt, in dem weibliche Sexualität traditionell in den Bedeutungsfeldern von Obszönität und Schamlosigkeit angesiedelt war. Die Tiroler Öffentlichkeit beklagte auch andere moralische Brüche wie die Promiskuität von Mädchen und jungen Frauen, die von der Polizei als Gelegenheitsprostitution bezeichnet wurde. Ein Drittel aller Zöglinge des Heims für schwer erziehbare Mädchen in St. Martin/Schwaz war wegen „Geheimprostitution“ eingewiesen worden. Da oft die gesamte Familie aus solchen Beziehungen Nutzen zog, wurden die traditionellen moralischen Vorstellungen angesichts der großen Not hintangestellt.

Eine der negativen Auswirkungen der Zunahme von Liebschaften und der „Überlebensprostitution“ war die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten besonders unter Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren, speziell bei Mädchen. Frauen, die als „Prostituierte“ galten und schwanger geworden waren, wurde oft gleich im Spital das Kind von der Sozialfürsorge weggenommen. Gegen Frauen, die ein Kind von einem französischen Besatzungssoldaten bekamen, wurden Aktionen gesetzt, die Hass erzeugten und für die betroffenen Frauen zur gesellschaftlichen Ausgrenzung und Diskriminierung führten. Für Frauen, die gar einen „Mischling“ zur Welt gebracht hatten, war die Stigmatisierung noch schlimmer. Hier konnten sich wahre Tragödien abspielen, die für diese Kinder die bittersten Konsequenzen nach sich zogen.

„Die Jugendkriminalität hat sich in den letzten Jahren verzwölffacht, luetische Erkrankungen (Syphilis) haben sich verdreifacht, es herrschen Prostitution und Hunger“, meldete die Tiroler Presse im Juli 1949. Allgemein wurde beklagt, „daß es leider immer wieder Mütter gibt, die die Tochter systematisch auf den Strich führen, damit sie Geld oder Lebensmittel nach Hause bringe.“ Im Jahresbericht der Tiroler Jugendämter von 1950 ist zu lesen:

„Die Erwartung, daß nach dem Krieg die einzelnen Familien in der Lage sein werden, ihre Kinder aus eigenen Kräften zu einwandfreien Menschen zu erziehen, hat sich noch nicht erfüllt. Die wirtschaftliche und nicht zuletzt die seelische Not sonst durchaus aufrechter Menschen, nimmt den letzteren die Voraussetzung für eine ordnungsgemäße Lebensführung und -haltung. Es ist nicht schwer auf dem rechten Weg zu bleiben, wenn Wohnung, Einkommen und Familienleben geregelt sind. Aber gerade in diesen Punkten fehlt es besonders weit und hat der Krieg unüberbrückbare Lücken gerissen.“

Wie sehr die Männer im Gegensatz zu den Frauen vom Treuebegriff ausgenommen waren, ist schon daran zu erkennen, dass eine zeitgenössische Dissertantin zwar kritisch auf die tausenden unehelichen Kinder, die die Wehrmachtssoldaten im Ausland gezeugt hatten, und auf ihre Großbordelle sowie auch auf Vergewaltigungen hinweist, aber schließlich doch unterstreicht, daß „ihr Lebenswandel für die Familie nicht unbedingt die Bedeutung haben muß, wie der der Frau und Mutter.“

Ein Fall für die Fürsorge

Angesichts der geschilderten Zustände hatten die Jugendämter und Fürsorgestellen alle Hände voll zu tun. Allerdings waren sie wegen der geringen finanziellen Mittel, über die sie verfügten, bestrebt, bei den Aufwendungen zu sparen. Trotz rasanten Anstiegs unehelicher Geburten wurde versucht, gerade bei dieser Gruppe so wenige Mittel wie möglich aus der öffentlichen Fürsorge zu verwenden. Dabei zeigten sich die Behörden durchaus erfinderisch. So meldete die Jugendfürsorgeabteilung Landeck:

„Im hiesigen Bezirk erhält beispielsweise von den außerehelichen Müttern, die ihre Kinder von Besatzungsangehörigen, welche ja nicht Unterhalt leisten, geboren haben, keine einzige für ihr außereheliches Kind eine Fürsorgeunterstützung.“

Die Behörde argumentierte zwar, „daß diese Kinder von ihren Müttern teils sogar besser versorgt werden als Kinder, deren Mütter von den Vätern Alimente erhalten.“ Doch zeigte dies nur die Kraft vieler Frauen auf, mit noch so widrigen Umständen fertig zu werden. Dies gelang allerdings bei weitem nicht allen Frauen, wenn man bedenkt, welchen Anfeindungen sowohl Mütter als auch Kinder mit dem Stigma Unehelichkeit in Tirol, besonders am Land, ausgesetzt waren. In zahlreichen Fällen war die Zerrüttung der Lebensverhältnisse der Kinder unter diesen Umständen nicht mehr aufzuhalten, und es erfolgte die Unterbringung in Heimen und auf Pflegeplätzen.

Aus moralisch-sittlichen Gründen waren den Jugendämtern außereheliche Geburten suspekt, eine Vernachlässigung des Kindes nicht selten vorschnell angenommen. Die Vormundschaft über diese Kinder erhielt das Jugendamt daher automatisch. Heimeinweisungen konnten auch dann erfolgen, wenn lediglich eine große Not der Mutter vorlag. Über die Doppelmoral der öffentlichen Fürsorge beschwerten sich immer wieder Mütter mit großer Empörung:

„Früher, als wir bittere Not litten, kümmerte sich kein Jugendamt um unsere Kinder. Jetzt aber, wo wir uns durch eigene Kraft etwas hinaufgearbeitet haben, werden sie uns weggenommen.“

Zahlungsunwillige Väter

Eine besonders beklagenswerte Rolle spielten in diesem Zusammenhang auch die Väter, von denen viele nicht geneigt waren, ihren Unterhaltspflichten nachzukommen. Dies galt ganz besonders für die aus Deutschland stammenden Väter sowie die Besatzungssoldaten aus Frankreich und den USA. Tiroler Väter gingen soweit, dass sie ins benachbarte Ausland, etwa in die Schweiz, flüchteten, wo noch dazu bessere Verdienstmöglichkeiten lockten. Das Jugendamt Lienz war größtenteils mit der Eintreibung der Alimente beschäftigt:

„Auf der einen Seite stehen die Kinder, die den Unterhalt immer notwendiger brauchen und auf der Gegenseite die Väter, die trotz Lohnerhöhung immer schwerer ihren Verpflichtungen nachkommen.“

In Kufstein prangerte das Amt die diesbezüglichen Zustände folgendermaßen an:

„Die größte Arbeit machte die Geldeintreibung von den asozialen Kindesvätern, von denen nun im Zwangswege und mit allen Druckmitteln die Alimente einbringlich gemacht werden, während dem diese Personen in den Nachkriegsjahren den seinerzeit verhältnismäßig viel niedrigeren Unterhaltsbeitrag auf Grund der hohen Schleichhandelsgewinne nur so verächtlich auf den Tisch geworfen haben.“

Da die Mütter auf das Geld gerade in der damals schwierigen wirtschaftlichen Situation in hohem Maße angewiesen waren, erhöhte sich die Zahl der Exekutionen drastisch. Leidtragende waren natürlich besonders die Kinder. Ein weiterer negativer Umstand männlicher Zahlungsverweigerung bestand darin, dass Verwandte des Vaters wider Willen das unerwünschte Kind bei sich aufnahmen, um nicht selbst zur Kassa gebeten zu werden. Dazu stellte das Jugendamt Kitzbühel fest:

„Freilich kann in vielen solchen Fällen dann nicht der sonst übliche Maßstab für empfehlenswerte Pflegestellen angewandt werden, fehlt es doch zu häufig schon allein an gesunden und ausreichenden Wohnräumen.“

Ausblick

Frauen hatten während der kriegsbedingten Abwesenheit der Männer im Krieg und den ersten Nachkriegsjahren das Überleben der Familie gewährleistet, die Männer in der Landwirtschaft und Produktion ersetzt und somit deren traditionelle Funktion als Familienerhalter übernommen. Die Nachkriegsgesellschaft war also von einer Aufweichung der starren Geschlechterrollen und der Infragestellung männlicher Identität gekennzeichnet. Diese in Bewegung geratenen Geschlechterverhältnisse, die sich auch in einer Pluralisierung von Lebens- und Familienformen (Ledige Mütter, Frauenhaushalte, Mütterfamilien etc.) widerspiegelten, sollten nun wieder im Sinne der alten patriarchalen Ordnung stabilisiert werden, zumal Frauen überdies verstärkt als unliebsame Konkurrenz für Männer am Arbeitsmarkt angesehen wurden. Daher wurden althergebrachte Idealbilder von Weiblichkeit zur Unterstützung kleinfamiliärer Lebensformen, speziell der Hausfrauenehe, propagiert und hymnisch gepriesen. Die Zuständigkeit der Frau für das Heim, den Herd und die Kinder galten wieder als „natürlich“ und „wesensbedingt“. Alleinstehende Frauen ohne Mann wurden als „nicht vollständig“ betrachtet und am Arbeitsmarkt sowie bei der Wohnungssuche benachteiligt. Ihnen wurde das Recht auf eigene Sexualität abgesprochen, durch Kinderlosigkeit brachliegende Muttergefühle sollten in speziellen Frauenberufen, vor allem in Sozialberufen, kanalisiert werden. In der Tiroler Nachkriegsgesellschaft sind also restaurative Tendenzen im Bereich der Geschlechterverhältnisse, des Frauen- und Mutterbildes und der sexuellen Moral auszumachen. Dazu kamen sozioökonomische Veränderungen, die in einer zunehmenden Industrialisierung und Landflucht begründet liegen. Dagegen wurde angekämpft, indem eine verstärkte Betonung des Heimatgedankens, des dörflichen und bäuerlichen Lebens, des Glaubens und der Vätersitte propagiert wurde. Die Jugend sollte ‚gottesfürchtig’, ‚heimattreu’ und ‚schollenverwurzelt’ erzogen werden.

 Literatur:

Berger, Franz Severin/Christiane Holler: Trümmerfrauen. Alltag zwischen Hamstern und Hoffen, Wien 1994.

Bauer, Ingrid: Die „Ami-Braut“ - Platzhalterin für das Abgespaltene? Zur (De-) Konstruktion eines Stereotyps der österreichischen Nachkriegsgeschichte 1945-1955, in: L´homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 7 (1996), Heft 1, S. 107-121.

Eisterer, Klaus: Fraternisierung 1945, in: Dornbirner Schriften (1993), Nr. 14, S. 21-33.

Eisterer, Klaus: Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft, in: Tiroler Heimat (1993), Nr. 57, S. 272-284.

Kos, Wolfgang/Georg Rigele (Hg.): Inventur 45/55. Österreich im ersten Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien 1996, S. 201-231.

Schreiber, Horst/Wilfried Vyslozil, Die Dynamik der frühen Jahre. Eine Spurensuche jenseits der Klischees, Innsbruck-München 2001.

Thurner, Erika: „Dann haben wir wieder u n s e r e Arbeit gemacht“. Frauenarbeit und Frauenleben nach dem Zweiten Weltkrieg,, in: Zeitgeschichte (Juni/Juli 1988), Heft 9/10, S. 403-422.


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Abgerufen am: 26-03-2017