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Aus: Gaismair-Jahrbuch 2006

Horst Schreiber

Zur NSDAP-Mitgliedschaft von Eduard Wallnöfer [1]

Eduard Wallnöfer wurde am 11. Dezember 1913 in Schluderns, Südtirol, geboren. Sein Vater fiel im Ersten Weltkrieg, 1920 kam er nach Oberhofen (Telfs), wo seine Mutter einen Bauern geheiratet hatte. Er absolvierte die landwirtschaftliche Landeslehranstalt Imst und trat dem Bauernbund sowie der „Vaterländischen Front”, der Einheitspartei des autoritären „Ständestaates” bei. 1933 wurde Wallnöfer Jungbauernobmann von Oberhofen. Ab 1934 übte er in Imst die Funktion des 1. Sekretärs der Bauernkammer aus, in den Folgejahren auch jene des Bezirksjungbauernobmannes und des Geschäftsführers der landwirtschaftlichen Bezirksgenossenschaft.

Unmittelbar nach dem „Anschluss” geriet Wallnöfer als Bauern-Funktionär des „Ständestaates” ins Visier der lokalen NS-Führer. Er konnte aber weiterarbeiten und auch nach der Überführung der bäuerlichen Interessenvertretungen in den Reichsnährstand als Sachbearbeiter der Kreisbauernschaft Imst wirken. Das NS-Regime entließ die Spitzenrepräsentanten und zog das Gros der kompetenten Angestellten der Kammern und des Bauernbundes zur Mitarbeit heran, sofern sich diese nicht antinationalsozialistisch verhielten. Wallnöfer wurde jedenfalls nicht zum Kreis jener gezählt, die als politisch untragbar erschienen, auch wenn er kein Nationalsozialist war.

Der Erwerb der Parteimitgliedschaft

In dieser Situation stellte Wallnöfer am 30. Juni 1938 im Alter von 24 Jahren einen Antrag an die Ortsgruppe der NSDAP Imst um Aufnahme in die Partei. Der Ortsgruppenleiter von Imst, Alois Starjakob, lehnte seinen Parteibeitritt jedoch ab. Als Grund gab er in seiner politischen Beurteilung an, dass sich Wallnöfer „nach der Führerrede am 20.2.1938 in gemeiner Weise gegen Führer und Nationalsozialismus geäußert” habe. Der Bericht des Landrates von Imst als zuständiger Kreispolizeibehörde bezeichnete Wallnöfer daher als „politisch unverlässlich.” Der Aufnahmeantrag wurde infolgedessen nicht weiter bearbeitet. In der „Parteistatistischen Erhebung” mit Stichtag 1. Juli 1939 wurde er als Parteianwärter geführt. Nach eigenen Angaben zahlte er bis November 1939 Mitgliedsbeiträge. Weiters scheint er als Mitglied der Deutschen Arbeitsfront, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des Kolonialbundes auf.

Am 2. November 1939 rückte Wallnöfer in die Kaserne in Hall ein, wo er einen Sprengmeisterkurs absolvierte und Kanzleiarbeit verrichtete. Da er als „mindertauglich” galt und der einzige Sohn eines im Ersten Weltkrieg Gefallenen war, musste er nicht an die Front. Vom 16. Mai bis 8. Juli 1940 konnte er seinen Wehrdienst unterbrechen und die Geschäftsführung des Braunviehzuchtverbandes in Innsbruck übernehmen. Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht setzte er seine Tätigkeit im Tiroler Braunviehzuchtverband in Innsbruck fort. Gleichzeitig arbeitete er auch als Wirtschaftsberater der Kreisbauernschaft Imst. Hubert Senn schrieb 1973 in seinem Portrait zum 60. Geburtstag Wallnöfers, das in gekürzter Form in der „neuen tiroler zeitung”, dem Parteiblatt der ÖVP, erschien, Folgendes:

„Wohl weil man zum Kriegführen nicht nur Kanonen, sondern auch Butter brauchte, weil die Landwirtschaft auch im Gau Tirol-Vorarlberg angehalten war, durch gesteigerte Produktion sich am ‚raschen Sieg’ der deutschen Wehrmacht zu beteiligen, gelang es dann dem Tiroler Braunviehzuchtverband den in Hall dienenden Braunviehzuchtexperten Wallnöfer u.k. stellen zu lassen und ihn als Geschäftsführer für den Verband freizubekommen. Somit kann Wallnöfer sich Aufgaben widmen, die er gern erfüllt: der Landwirtschaft des Landes zu dienen, den Bauern zu helfen und seine Kenntnisse zu vermehren, wenn auch unter geänderten politischen Verhältnissen.”

1940 war der Tiroler Braunviehzuchtverband dabei, eine Umstrukturierung der Organisation vorzunehmen, da die bisherigen Aktivitäten unbefriedigend geblieben waren. Der Tierzuchtamtsleiter Dipl.-Ing. Walter Koch, der im Verband eine tragende Rolle spielte und mit Wallnöfer befreundet war, konnte sich von ihm eine Effizienzsteigerung der Verbandsarbeit versprechen. Seit der Landwirtschaftsschule hatte sich Wallnöfer intensiv mit dieser Materie beschäftigt. Im selben Jahr heiratete Wallnöfer Luise Thaler, die einen Bauernhof mit zwölf Stück Vieh in die Ehe einbrachte. Noch im Dezember 1940 kam der erste Sohn zur Welt. Mit dieser beruflichen und familiären Situation waren die Wallnöfers nun existenziell abgesichert.

Im November 1940 wurde Wallnöfer in einen Verkehrsunfall mit einem Radfahrer verwickelt und in einem Strafverfahren vom Amtsgericht Imst im Jänner 1941 zu 20 Reichsmark verurteilt. Da er Parteianwärter war, musste nun das Parteigericht ermitteln, ob die Verurteilung durch das Strafgericht und sein bisheriges Verhalten einer Aufnahme in die Partei entgegenstand. Entsprechend der Satzung der NSDAP konnten nur „unbescholtene Angehörige des deutschen Volkes” aufgenommen werden. Am 26. August 1941 wurde in Einvernehmen mit der Kreisleitung Imst beschlossen, der Aufnahme Wallnöfers in die Partei zuzustimmen. Die Gesetzesübertretung war als geringfügig angesehen worden und ließ auf keinen „Charaktermangel” im sinne der NSDAP schließen. Er hatte sich in den Augen des Parteigerichts in der Zwischenzeit politisch umgestellt. Seine Tätigkeit im Reichsnährstand dürfte zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ausgefallen sein und die Zweifel an seiner positiven Haltung zur Partei ausgeräumt haben. Die Negativbeurteilung durch den Ortsgruppenleiter aus dem Jahr 1938 wurde durch einen handschriftlichen Verweis auf das Kreisgerichtsurteil in Wallnöfers Personal-Fragebogen der NSDAP vom 30. Juni 1938 aufgehoben und galt daher als „überholt”. Das Prozedere der endgültigen Aufnahme in die Partei dauerte schließlich bis 18. Februar 1944. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde Wallnöfer mit rückdatiertem Eintrittsdatum (1.1.1941) offiziell in die NSDAP aufgenommen.

Das Tiroler Landesarchiv interpretiert diesen Umstand als deutliches Zeichen dafür, dass „sich maßgebliche Kräfte innerhalb der regionalen NSDAP gegen eine Aufnahme Wallnöfers in die Partei sperrten.” Festzustellen ist, dass die höchsten Instanzen von Verwaltung und Partei in Imst den Parteibeitritt Wallnöfers befürwortet haben. Der Vorsitzende des Parteikreisgerichts, Ernst Allrecht, war nämlich gleichzeitig Landrat von Imst und zumindest zeitweilig Kreiswirtschaftsberater der NSDAP. Mit Klaus Mahnert hatte sich nicht nur der Kreisleiter von Imst einverstanden erklärt. Er übte als Gauinspekteur auch die Aufsicht über die Partei im ganzen Gau aus und war einer der bestinformierten Männer in personalpolitischen Angelegenheiten sowie enger Vertrauter von Gauleiter Franz Hofer. Mahnert und Allrecht gehörten zur Gruppe der so genannten „Emigranten”, die nach dem Verbot der Partei im Juni 1933 nach Deutschland geflohen waren und die Hofer nach seiner Rückkehr an die Macht im Mai 1938 bevorzugt an die Spitze von Verwaltung und Partei gehievt hatte.

Dass nach dem für Wallnöfer positiven Beschluss des Parteikreisgerichts im August 1941 noch weitere zweieinhalb Jahre bis zur tatsächlichen Aufnahme in die NSDAP ins Land gingen, kann mit der überforderten Parteibürokratie im Krieg in Verbindung stehen sowie mit dem Umstand, dass Wallnöfer nicht die Bedeutung beigemessen wurde, die eine zügige Durchführung seiner beantragten Mitgliedschaft aus der Sicht der befassten Parteistellen notwendig erscheinen ließ. Es ist aber durchaus möglich, dass Gegner Wallnöfers in der Imster NSDAP für die Verzögerung der Aufnahme verantwortlich sind und beim neuen Kreisleiter Josef Pesjak, der Mahnert im März 1942 ablöste, interveniert haben. Da Wallnöfer aber am Ende doch in die NSDAP aufgenommen wurde, hatten ihm feindlich gesonnene Kräfte innerhalb der Imster NSDAP zwar Schwierigkeiten bereiten können, diese zogen aber schließlich den Kürzeren. Die Unterstützung des Beitrittswilligen durch den Reichsnährstand und die Mitglieder des Parteikreisgerichts gaben den Ausschlag.

Das Entnazifizierungsverfahren

Am 5. April 1946 ließ sich Eduard Wallnöfer entsprechend der Meldepflicht für Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen in der Gemeinde Mieming registrieren. Er gab sein Parteibeitrittsansuchen an und füllte die Rubrik Anwärter aus, eine Mitgliedschaft verneinte er aber, da er nie eine Ausweiskarte erhalten habe. Am 9. Juni 1947 ersuchte er die Bezirkshauptmannschaft Imst um Streichung aus der Registrierungsliste. Er betonte, den Aufnahmeantrag in die Partei erst „nach wiederholten Aufforderungen”, also auf Druck des Dienstgebers, gestellt zu haben. Weiters gab er an, dass sein Wechsel zum Tiroler Braunviehzuchtverband nach Innsbruck deshalb erfolgt sei, um „der nationalsozialistischen Bewegung den Rücken zu kehren.”

Diese Argumentation scheint nicht plausibel, da auch die Übernahme der Geschäftsleitung des Viehzuchtverbandes nur in Betracht kam, wenn der Betroffene politisch positiv eingeschätzt wurde. Zudem war er in Innsbruck sozusagen im Zentrum des Nationalsozialismus in Tirol und hatte Umgang mit den führenden Repräsentanten der Landwirtschaftsbürokratie von Partei und Staat zu pflegen. Darüber hinaus war er weiterhin in Imst als Wirtschaftsberater der Kreisbauernschaft tätig. Beide Funktionen hätte er nicht ausüben können, wenn damals, so wie Wallnöfer behauptete, eine „naziunfreundliche Haltung” bekannt gewesen wäre.

Wallnöfer gab zu seiner weiteren Entlastung an, dass er den Parteiantrag aus dem Wissen heraus gestellt habe, dass bei den Parteidienststellen die Absicht bestand, ihn „aus weltanschaulichen Gründen” abzulehnen. Dass seine negative politische Beurteilung 1941 aufgehoben worden war und die Partei seinem Beitritt schließlich zugestimmt hatte, erwähnte er nicht. Es ist schwer vorstellbar, selbst wenn Wallnöfer keine Mitgliedskarte ausgehändigt worden sein sollte, dass er von den Erhebungen und dem Urteil des Kreisgerichts Imst nichts gewusst hat. Zum anderen gilt es noch etwas zu bedenken: Sein Beitrittsansuchen war – vorerst – von der Imster NSDAP abgelehnt worden, schließlich verstand sich die Partei ja als Elite, die nicht jeden Beitrittswilligen akzeptieren wollte. Ihr „kämpferischer” Teil, der für die Partei Opfer gebracht hatte, stand den TirolerInnen, die erst nach dem „Anschluss” in die NSDAP strömten, feindselig und rachsüchtig gegenüber. Ein Beitrittsansuchen war aber jener Akt der Zustimmung zum Regime, der, so wie im Falle Wallnöfers, staatlichen Dienststellen sehr oft genügte, um den Anwärter im Dienst zu belassen. Nach einer entsprechenden Zeitspanne der Bewährung erfolgte dann nach anfänglicher Ablehnung die Aufnahme in die Partei – ein auch in Tirol vielfach zu beobachtender Prozess.

Der Bezirkshauptmann von Imst, der das Erhebungsverfahren nach dem Ansuchen Wallnöfers zur Entregistrierung am 9. Juni 1947 einleitete, hatte ein für das bürokratische Entnazifizierungsverfahren typisches Problem: Es standen ihm nur wenige Unterlagen für seine Entscheidungsfindung zur Verfügung. Ihm fehlten jene Akten, denen die Aufnahme Wallnöfers in die NSDAP zu entnehmen war. Dass die Bezirkshauptmannschaft von einer positiven Gesinnung Wallnöfers zur Republik Österreich ausging, liegt bereits im Umstand begründet, dass dieser unmittelbar nach dem Krieg sofort wieder als Sekretär der Bezirksbauernkammer und im Bezirksbauernrat Imst sowie als Gemeinderat von Obermieming tätig war.

Demzufolge entschied der Bezirkshauptmann mit Bescheid vom 13. August 1947, dass Wallnöfer nicht der gesetzlichen Registrierungspflicht unterliege. In seiner Begründung betonte er, dass dieser „der NSDAP vollkommen außer Evidenz geraten” sei und nicht einmal NSDAP-Anwärter gewesen wäre:

„Seinen Angaben wurde Glauben geschenkt, insbesondere auch im Hinblick darauf, dass er sich laut seinem Wehrstammblatt schon im Dezember 1938 als nicht aufgenommen betrachtet hatte. Seine österreichische Einstellung ist im Übrigen dem Amt bekannt. Wallnöfer war sonach, da er die Anwartschaft der NSDAP nie erworben hat, nicht zu verzeichnen.”

Die Bewertung

Wallnöfer dürfte sich wegen seines bescheidenen finanziellen Hintergrundes, der Erfahrungen unstabiler wirtschaftlicher und familiärer Verhältnisse sowie seiner beabsichtigten eigenen Familiengründung 1938 dazu entschlossen haben, auch im Reichsnährstand hauptamtlich tätig zu werden. Darin scheint auch der Grund für seinen Parteibeitritt zu liegen, mit dem er nach außen hin ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus ablegte. Die Alternative hätte darin bestanden, dem Reichsnährstand generell den Rücken zu kehren, als Nebenerwerbsbauer eine andere Stellung zu suchen und einen beruflichen Neubeginn in Kauf zu nehmen. Vor diesem Hintergrund der persönlichen Entscheidung entsprechend einer individuellen Kosten-Nutzen-Abwägung erscheint die Vorgangsweise Wallnöfers nachvollziehbar. Es ist allerdings zu betonen, dass es TirolerInnen gegeben hat, die in ähnlicher Lage eine andere Entscheidung getroffen haben und einen weitaus schwierigeren Weg eingeschlagen haben.

Die Zahl der tatsächlich weltanschaulich überzeugten NationalsozialistInnen war in Tirol gering. Sie hätten nicht ausgereicht, um die Stabilität des Regimes zu gewährleisten, vor allem aber wäre alleine mit ihnen im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen gewesen. Das Funktionieren des NS-Regimes garantierten eben nicht (nur) die ideologische Nazis, sondern die deutliche Mehrheit der TirolerInnen, indem sie beinahe bis zum bitteren Ende eine passive Loyalität an den Tag legten und die ihnen anvertrauten Aufgaben und Arbeiten erledigten. Der NS-Staat war auf die Kompetenz der vielen ihm ideologisch nicht nahe stehenden Menschen, gerade in der breit gefächerten Verwaltung, zutiefst angewiesen. Wir haben es in Tirol in erster Linie nicht mit fanatischen NationalsozialistInnen zu tun, sondern mit MitläuferInnen und einem sehr breiten Spektrum diverser Ausdrucksformen angepassten Verhaltens. Die lange anhaltende Unterstützung des NS-Regimes ist zwar auch auf Überwachung, Druck und exemplarischen Terror zurückzuführen, doch Druck und Terror hätten nicht ausgereicht, um die Diktatur bis zum Ende des Krieges so funktionsfähig zu machen. Der Nationalsozialismus unterbreitete vielen Menschen erfolgreich Angebote, verschaffte Karrieremöglichkeiten und sozialen Aufstieg. Mit dieser Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche wurden GegnerInnen rücksichtslos diszipliniert bis hin zur Massentötung, während die Mehrheit ruhig gestellt werden konnte. Zu einem großen Teil gab es Teilaffinitäten zwischen der NS-Politik und den Regierten, die ein Mitläufertum förderten.

Eduard Wallnöfer brachte sein Talent, sein rhetorisches und organisatorisches Geschick in die NS-Landwirtschaftspolitik ein. So konnte er, ohne generell mit dem Nationalsozialismus überein zu stimmen, mithelfen, jene Maßnahmen in die Tat umzusetzen, die er guthieß. Zu nennen wären etwa die beachtlichen Investitionen in die Infrastruktur und Modernisierung der Höfe sowie die Ent- bzw. Umschuldung bäuerlicher Betriebe, die in ihrer Existenz gefährdet waren. Die brutale NS-Kirchenpolitik hat Wallnöfer als strenggläubiger Katholik so wie die Mehrheit der Bauernschaft sicherlich zutiefst abgelehnt.

Ohne den massenhaften Einsatz von ZwangsarbeiterInnen und ohne die Ausplünderung der Lebensmittelvorräte der besetzten Staaten, in denen Millionen Menschen verhungerten, wäre die Ernährungssicherung in Tirol nicht möglich gewesen. In seiner Tätigkeit für den NS-Reichsnährstand war Wallnöfer mit der Zwangsarbeit in der Landwirtschaft ebenso in Berührung gekommen wie mit den Zumutungen der NS-Herrschaft, den vielen Vorschriften, bürokratischen Kontrollen, Ablieferungspflichten, der generellen Einengung bäuerlicher Autonomie, dem Terror und den vielfältigen Strafmaßnahmen für „Wirtschaftsverbrechen” wie „Schwarzschlachten” und „Schleichhandel”. Landeshauptmann Herwig van Staa, der Schwiegersohn von Eduard Wallnöfer, verwies auf eine telefonische Auskunft zweier Bauern, deren „Schwarzschlachtungen” von Wallnöfer als Notschlachtungen ausgegeben worden seien. Auf „Schwarzschlachtungen” standen mehrmonatige und mehrjährige Zuchthausstrafen bis hin zur Zwangsversteigerung des Hofes. Der Altlandeshauptmann hat also auch Widerständigkeiten an den Tag gelegt und war nicht bereit gewesen, zu denunzieren und in allem seine Pflicht zu erfüllen.

Die Diskussion um die Parteimitgliedschaft Eduard Wallnöfers enthält aber noch einen weiteren Aspekt. Sie verweist auf den Mythos der Stunde Null und den in der Tiroler Öffentlichkeit bis heute kaum thematisierten Umstand, dass die politische Kultur Tirols von Menschen mitgeprägt worden ist, die in verschiedenem Ausmaß im NS-System, in die Partei und ihre Gliederungen verstrickt waren. So war ÖVP-Landeshauptmann Alfons Weißgatterer (1945-1951), der sich für Ehemalige stark machte, ebenso NSDAP-Mitglied (sogar mit einer Nummer, die „illegalen” Nazis vorbehalten war) wie die Sozialdemokraten Karl Kunst (seit Sommer 1945 Rechtsreferent der Landesregierung, ab 1961 SPÖ-Parteiobmann und Landeshauptmannstellvertreter) oder Karl Knechtelsdorfer und Wilhelm Oehm, die Gründungsväter des ÖGB Tirol. All die soeben exemplarisch Genannten waren keine ideologisch überzeugten Nazis, wobei Weißgatterers Anerkennung als verdienter „Illegaler” noch aufklärungsbedürftig ist, sondern Mitläufer, die nur formal die NS-Parteimitgliedschaft angenommen hatten, um berufliche Vorteile zu haben oder die Existenz zu sichern. Während in Tirol der „Bund Sozialistischer Akademiker” auch belastete Nazis in Ermangelung hoch qualifizierter Kader aufnahm, wirkte im ÖVP-Parteisekretariat 1953-1962 ein SS-Sturmbannführer, der die Partei organisatorisch und wahlpropagandistisch modernisierte und maßgeblich dazu beitrug, Ehemalige in die ÖVP zu integrieren.

Die Tätigkeit Wallnöfers im Reichsnährstand trug zur Erweiterung seiner Kompetenzen und Erfahrungen in der Landwirtschaftspolitik bei und kam ihm nach 1945 zugute. Ohne berufsbiographische Brüche in der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus konnte er nach dem Krieg seine fulminante politische Karriere starten. Bereits 1949 saß er als Landwirtschaftsreferent (Landesrat) im Tiroler Landtag. In dieser Tätigkeit und als Landeshauptmann (1963-1987) erwarb er sich große Verdienste um das Land Tirol und die Republik Österreich.

Es gelang Wallnöfer aber nie, weder in der Öffentlichkeit noch in seinem politischen Umfeld oder in der Familie, seine Rolle und persönliche Situation während des Nationalsozialismus zu thematisieren. Seine eigene Geschichte sensibilisierte ihn für die Schwierigkeiten ehemaliger NationalsozialistInnen. Die Förderung von Opfergruppen wie den rassisch Verfolgten oder die Pflege einer Erinnerungskultur, welche die Opfer oder den Widerstand im breitesten politischen Sinn mit eingeschlossen hätte, stand seinem Verständnis, so wie dem Großteil der Tiroler Politikergeneration nach 1945, ferner. Die Opfer des Nationalsozialismus und – von der unmittelbaren Nachkriegszeit abgesehen – auch die kleine Schar Tiroler WiderstandskämpferInnen bildeten keine identitätsstiftenden historischen Bezugspunkte im Land und wurden daher im Gegensatz zu den gefallenen Wehrmachtsoldaten auch nicht in die offizielle Erinnerungskultur des Landes aufgenommen. Dies charakterisiert, mit Ausnahme Wiens, die Situation in praktisch allen österreichischen Bundesländern.

Seit 1945 präsentiert sich das Land als Opferkollektiv des Nationalsozialismus, seine Einwohner als Freiheitskämpfer (Frauen bleiben ausgeblendet) in der Tradition von Andreas Hofer und seine Geschichte als die der ältesten Festlanddemokratie. 1946 verkündete Landeshauptmann Weißgatterer, dass sich Tirol während der NS-Zeit „im ununterbrochenen Freiheitskampf” befunden habe, während sein Vorgänger Karl Gruber behauptete, dass die TirolerInnen mit dem Nationalsozialismus mehrheitlich nichts zu schaffen gehabt hätten. Dieser „war eben ‚nichtösterreichisch’ und damit waren seine Scheußlichkeiten auch schon hinlänglich erklärt.”

Resüme

Eduard Wallnöfer, der Fortschritt, Modernisierung und Wohlstand in Tirol symbolisiert, verkörpert wie kaum ein anderer Politiker nach 1945 das Selbstverständnis Tirols. Bei seiner nun bekannt gewordenen NSDAP-Mitgliedschaft geht es daher nicht nur um seine Person im engeren Sinn, sondern um die Infragestellung der bisherigen Sichtweise des Nationalsozialismus im Land, die Bewertung des Verhaltens der Tiroler Bevölkerung und die Frage der Zusammensetzung der Tiroler Eliten nach 1945.

Der Beitritt zur NSDAP wurde in der öffentlichen Diskussion vor allem als eine Verhaltensweise interpretiert, die zwar viele TirolerInnen ebenfalls an den Tag gelegt, aber sehr rasch als Irrtum erkannt hätten. Unisono wurde für den großen Zulauf zur Partei ein äußerer Druck verantwortlich gemacht. Robert Fiala, langjähriger ÖVP-Geschäftsführer, fand an der NS-Mitgliedschaft nichts Anstößiges, denn: „Wallnöfer wusste, dass man sich arrangieren muss”.

Dieser Sichtweise ist entgegenzuhalten, dass die TirolerInnen auch im Nationalsozialismus über vielfältige Handlungsspielräume verfügten. Niemand hatte nur eine Option, so schwierig das Umfeld auch war. Innerhalb eines vorgegebenen Rahmens konnten eigenständige Entscheidungen getroffen werden, für welche die persönliche Verantwortung getragen werden muss. In der NS-Zeit waren die Menschen nicht nur passive Objekte der äußeren Umstände, sondern trotz aller Einschränkungen und äußeren Drucks in verschieden großem Maß auch GestalterInnen des eigenen Lebens.

Wenige Monate vor der Wallnöfer-Diskussion lehnte die Tiroler Landesregierung einen Antrag von Uschi Schwarzl (Die Grünen) ab, die eine Initiative des Landes zur wissenschaftlichen Erforschung des Nationalsozialismus gefordert hatte. Als Begründung wurde angegeben, dass die NS-Zeit in Tirol bereits erschöpfend untersucht sei. Doch mit der Diskussion um den Mythos Wallnöfer ist nun auch der Mythos des seit jeher freiheitsliebenden und demokratischen Tirol samt seiner Opferrolle im angeblich landfremden Nationalsozialismus in Frage gestellt worden. Ein Desinteresse des Landes, die NS-Forschung ideell und materiell zu unterstützen, würde die einseitige Sicht, nur Opfer zu sein, weiter fortschreiben. Wer sich hingegen zu seiner Mittäterschaft bekennt, übernimmt auch eine aktive Rolle bei der Untersuchung des Nationalsozialismus in Tirol. Altlandeshauptmann Eduard Wallnöfer gab wenige Jahre vor seinem Tod Folgendes zu bedenken:

„Wir Tiroler wollen uns bewusst zu unserer ganzen Geschichte bekennen: zu den Kapiteln, die uns mit Ehrfurcht und Stolz bewegen, aber auch zu den Abschnitten, die uns vielleicht mit einem gewissen Gefühl der Zwiespältigkeit erfüllen. Dazu gehört die Geschichte des Dritten Reiches, wie es hier in Tirol in Erscheinung trat, von Tirolern erlitten oder auch vertreten wurde, oft unter schweren persönlichen Gewissenskonflikten. (…)
Die Geschichte der persönlichen Tragik, der inneren Konflikte, des Widerstreits der Überzeugungen werden wir freilich nie erfahren können. (…) Die Feinde der Demokratie aber sind wir selbst, wenn wir das Gut der Freiheit gewissenlos als selbstverständlich annehmen, wenn wir die Geschichte, unsere eigene politische Lebensgeschichte und die Geschichte unserer Eltern vergessen oder gar nicht erfahren haben, wenn wir die Freiheit in Unwissen, Bequemlichkeit und Opportunismus versinken lassen.”

[1] Die Langfassung des vorliegenden Beitrages erschien unter dem Titel: Anmerkungen zur NSDAP-Mitgliedschaft des Altlandeshauptmannes von Tirol, Eduard Wallnöfer, in: Geschichte und Region / Storia e regione 1 (2005): Medikalisierung auf dem Lande / Medicalizzazione in area alpina, S. 167-198.


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Abgerufen am: 26-03-2017