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Aus: Gaismair-Jahrbuch 2002. Dort auch mit Fußnoten

Horst Schreiber

Heinz Mayer: Obmann des „Bundes der Opfer des politischen Freiheitskampfes in Tirol“

Heinz Alexander Mayer wurde am 12. Juni 1917 in Innsbruck geboren. Er wuchs in einer österreichisch-kaisertreu eingestellten Familie auf. Seine „arische“ Mutter Ida, geborene Gfreiner, stammte aus Oberösterreich und verstarb bereits ein Jahr nach seiner Geburt. Er verließ vorzeitig das Realgymnasium in der Angerzellgasse und trat 1931 in das väterliche Geschäft ein, um dort für eine spätere Übernahme zu lernen. Sein Vater Ludwig, in Innsbruck geboren und aufgewachsen, führte in der Fuggergasse 2 eine Firma, die Feuerbekämpfungsartikel vertrieb. Ida Gfreiners betont deutsch-national eingestellte Eltern hatten ihre Einwilligung zur Ehe nur unter der Voraussetzung gegeben, dass Ludwig Mayer die „Israelitische Kultusgemeinde“ verließ. Er blieb bis zu seinem Tod ohne Glaubensbekenntnis, sein Sohn Heinz wurde katholisch getauft. Trotz seiner Konfessionslosigkeit und seiner Auszeichnungen im Ersten Weltkrieg sah sich Ludwig Mayer nach dem Krieg heftigen antisemitischen Angriffen ausgesetzt. 1919 beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, dass die Stadt nur bei „arischen“ Geschäftsleuten Feuerlöschapparate kaufen sollte. Nach der Machtübernahme der NSDAP wurde das Geschäft unter die kommissarische Aufsicht des Innsbrucker SS-Scharführers Johann Primus gestellt, der den Betrieb in den Ruin führte. Zur „Entjudung“ des väterlichen Geschäftes stellte Heinz Mayer kurz nach dem Krieg fest: „Hiezu möchte ich noch bemerken, dass mein Vater wohl jüdischer Abstammung war, jedoch schon seit 3 Generationen in Innsbruck ansässig war und als Kriegsfreiwilliger im Weltkrieg mehrfach verwundet und mit der Silbernen Tapferkeitsmedaille, dem Karl Truppenkreuz, der Verwundetenmedaille u.a. als Offizier der ‚Reitenden Tiroler Kaiserschützen’ ausgezeichnet wurde.“

Im Widerstand

Bereits als Jugendlicher engagierte sich Heinz Mayer gegen die NSDAP für ein eigenständiges Österreich. Die habsburgtreue Haltung seines Elternhauses bewegte ihn dazu, in die Organisationen des autoritären „Ständestaates“ einzutreten und als Amtswalter der „Vaterländischen Front“, als Dienstführender der „Frontmiliz“ und im Kraftfahrkorps der „Heimwehr“ aktiv zu werden. Während er fieberhaft an den Vorbereitungen für die Volksbefragung für ein freies, unabhängiges Österreich mitwirkte, musste er miterleben, wie die Mehrheit der Tiroler Bevölkerung innerhalb von Tagen ins Lager der NSDAP überwechselte und selbst ehemalige MitstreiterInnen ihre Gesinnung änderten. Nach dem „Anschluss“ galt der Katholik Mayer gemäß den „Nürnberger Rassegesetzen“ als „Halbjude“ bzw. „Mischling 1. Grades“. Trotz seiner besonders exponierten Stellung zögerte er nicht, sich der ersten Tiroler Widerstandsbewegung anzuschließen und politisch gegen die Nazis tätig zu werden. Bereits in den ersten Wochen nach dem „Anschluss“ bildete sich eine monarchistisch orientierte Gruppe mit dem Namen „Freiheit Österreich“ (F.Ö.), die aus rund 50 Personen bestand und der sich mangels sonstiger Betätigungsmöglichkeiten auch einige Linke anschlossen. Heinz und Ludwig Mayer traten der F.Ö. bei, die ein freies, selbständiges Österreich zum Ziel hatte. „Diese Forderung der staatlichen Selbständigkeit einte gerade in der Organisation ‚Freiheit Österreich’ erzkonservativste Burschen und Mädchen mit Kampfkameraden, die von linkster Provenienz stammten“, so Karl Pfötscher, Mitglied der F.Ö. Generell überwog aber sehr deutlich das Ziel einer Wiedererrichtung der Monarchie bzw. eine „ständestaatliche“ Orientierung. Die vorwiegend sehr jungen Mitglieder stammten aus katholisch-konservativen Familien, die den angestrebten Ausgleich der österreichischen Bischöfe mit dem Nationalsozialismus zutiefst ablehnten. In geheimen Zusammenkünften wurde vor allem die Frage besprochen,

ob es wirklich einen Sinn haben konnte, mit unseren jungen Kräften und Unerfahrenheit einen Staat zu bekämpfen, der in Waffen strotzte. In solchen Aussprachen wurde von mal zu mal klarer, daß es darauf ankam, untergründige Vorbereitungen zu treffen, für einen bestimmten Zeitpunkt einfach bereit zu sein. Denn im Kreise dieser ersten tirolischen Widerstandskämpfer hoffte man einerseits, daß Österreich vom Ausland nicht ganz vergessen werde, aber auch innerpolitsche, den Nationalsozialismus stürzende Ereignisse hielt man für möglich. Hierbei dachte man an Kräfte im preussischen Generalstab, an Kräfte innerhalb der NSDAP, mögliche Rivalitäten zwischen SA und SS.

Entsprechend ihrer Jugendlichkeit bestand auch eine idealistische Neigung zur Romantisierung der Untergrundtätigkeit. Die führenden Mitglieder waren Rudolf Ottlyk, Franz Rainer, Franz Ortler und Johann Steffan. Als deren ‚Hintermänner’ galten der Gestapo August Loacker, Ludwig Mayer und der Cousin von Heinz Mayer, Ernst Schwarz (Teilhaber der jüdischen Firma Bauer&Schwarz, Vorstand des jüdischen Sportklubs „Hakoah“ und Mitglied des „Bundes jüdischer Frontsoldaten“ sowie des monarchistischen „Reichsbundes der Österreicher“). Aber auch viele junge Frauen arbeiteten aktiv mit, so etwa Rosa Fügenschuh, Gerda Markobetz, Erna Tschaikner, Christl Gamper oder Rosemarie Struger. „Freiheit Österreich“, die am 24. Juli 1938 anlässlich einer geheimen Dollfussfeier in Maria Waldrast bei Matrei gegründet wurde, versuchte sich dezentral zu organisieren; gemeinsame Treffen fanden nur bei wichtigen Anlässen außerhalb Innsbrucks statt, um SympathisantInnen zur Bildung von Kameradschaften zu gewinnen. Diese bestanden aus fünf Männern und Frauen, die zum richtigen Zeitpunkt losschlagen sollten. Gemeinsam mit seinem Vater nahm Heinz Mayer an mehreren Treffen („Appellen“) teil und verbreitete die Meldungen verbotener, ausländischer Radiosender. Er war an nächtlichen Zettelklebeaktionen beteiligt und verteilte in Tirol und sogar in München antinationalsozialistische Flugzettel. Die von ihm verfassten Texte waren im Geschäft seines Vaters hergestellt worden. Zudem wurde mit der Errichtung eines Waffenlagers begonnen, bei der Ludwig Mayer federführend war. Gemeinsam mit Franz Ortler organisierte Heinz Mayer Waffen, die Ernst Schwarz vor 1938 bei der Firma Trager in Hall versteckt hatte, um sie beim Bauern Hans Maier, dem Besitzer des Waldhüttls, einem Gasthaus nahe Mentlberg zu verstecken, wo auch mehrere Treffen der Gruppe stattfanden und die Flugblätter deponiert waren.

Durch den Verrat Franz Ortlers setzte mit 14. Oktober 1938 eine Verhaftungswelle ein. Die Festnahmen von Heinz und Ludwig Mayer und ihre Überstellung ins Innsbrucker Polizeigefängnis wegen des dringenden Verdachts der „Vorbereitung zum Hochverrat“ standen allerdings in engem Zusammenhang mit der „Arisierung“ des Geschäftes von Ludwig Mayer. Über Antrag der Innsbrucker Staatsanwaltschaft wurde durch den Ermittlungsrichter des Volksgerichtshofes Dr. Steinacker am 22. November 1938 ein offizieller Haftbefehl gegen Heinz Mayer erlassen. Am 29. Dezember 1938 wurde er ins Innsbrucker Landesgericht eingeliefert, wo er in Verwahrungshaft genommen wurde. Im März 1939 erfolgte die Einstellung des Verfahrens, „da Absichten zur gewaltsamen Beseitigung der N.S.-Regierung und zur gewaltsamen Lostrennung Österreichs vom Deutschen Reich nicht nachgewiesen werden konnten.“ Die Enthafteten mussten einen Revers unterschreiben, staatsfeindliche Handlungen zu unterlassen, da sie ansonsten mit Strafen bis zu zehn Jahren Haft zu rechnen hätten. Da also Hochverrat nicht nachzuweisen war, wurden Mayer und einige andere Mitangeklagte nach ihrer Freilassung am 17. März 1939 wegen des Verstoßes gegen das Gesetz zur Neubildung von Parteien auf freiem Fuß unter Anklage gestellt. Dieses Verfahren sollte sich bis 1944 hinziehen.

Enteignung, Zwangsarbeit und KZ-Haft

Im April 1938 wurde SS-Scharführer Johann Primus „kommissarischer Leiter“ des Geschäftes von Ludwig Mayer, dem alle öffentlichen Aufträge entzogen worden waren. Er erklärte diesem bei Nichtbefolgung seiner Befehle, dass für „solche Saujuden auch noch ein KZ“ vorhanden sei. Eine Übertragung des Betriebs an Heinz Mayer, der nach den „Nürnberger Rassegesetzen“ nur als „Mischling 1. Grades“ galt, verhinderte der Leiter der „Arisierungsstelle“ Hermann Duxneuner. „Jud bleibt Jud“, stellte Primus dazu verächtlich fest. Da der Antiquitätenhändler und verdiente SA-Mann Josef Freiseisen mit Hilfe der „Arisierungsstelle“ vergeblich versucht hatte, die Familie Mayer auf die Straße zu setzen, um die Geschäftsräume für sich zu nutzen, wandte er sich an den Leiter des Innsbrucker Kreisrechtsamtes der NSDAP, Norbert Hermann. Dieser bat Gauleiter Franz Hofer um Hilfe und brachte in Absprache mit ihm eine Anzeige gegen Ludwig Mayer bei der Gestapo ein. Dabei bezeichnete er Mayer „als höchst verdächtiges Subjekt“ und „schäbigen Juden“, auf den die NS-Behörden eine „merkwürdige Rücksichtnahme“ walten habe lassen. Am nächsten bzw. übernächsten Tag wurden Heinz und Ludwig Mayer, der aufgrund massiven Drucks einer künftigen Liquidation seines Betriebs zugestimmt hatte, verhaftet. Als die beiden fünf Monate später wieder auf freien Fuß gelangten, war die Firma inzwischen aufgelöst und die Gewerbeberechtigung entzogen worden. Die noch vorhandenen Barmittel hatte sich Primus, der bis zur Liquidation des Geschäftes 920 Reichsmark (RM) für seine ‚Tätigkeit’ kassierte, unterdessen mit fingierten Rechnungen erschlichen. Der kärgliche Rest der Waren und des Inventars wurden zu niedrigsten Preisen versteigert, der Erlös musste dem Finanzamt („Judenvermögensabgabe“) überwiesen werden. Der für „Judensteuern“ zuständige Referent, Regierungsrat Adolf Iglhauser, wendete alle nur erdenklichen behördlichen Schikanen an, um die Tiroler Juden und Jüdinnen finanziell auszupressen und ihre Ausreisemöglichkeiten zu verschleppen. Diese Vorgangsweise kostete Heinz Mayers Tante und Onkel, Jenny und Robert Plohn, das Leben: „Gerade Iglhauser war den Juden gegenüber äusserst gehässig und tätigte Vorschreibungen, wo er nur irgendwie konnte, um die Juden zu schädigen. (...) Die Folge war, dass mein Vater ständig bis zu seiner Ende 1941 erfolgten Festnahme durch die Gestapo mit Pfändungen ect. belästigt wurde und auch Zahlungen leisten musste, trotzdem mein Vater kein Einkommen mehr hatte und nur von Almosen leben musste.“  Der finanzielle Schaden durch die Geschäftsauflösung lag bei mindestens 27.000 RM (heutiger Wert rund eineinhalb Millionen Schilling). Ludwig Mayer wurde gezwungen, völlig mittellos nach Wien abzureisen, wo er bei seiner Schwester Aufnahme fand. Noch im April 1938 hatte er nach der Bestellung des Aufgebots einen Tag vor der bereits angesetzten Trauung mit Maria Breitfuss die geplante Verehelichung wegen des politischen Drucks und des Eheverbots eines Juden mit einer „Arierin“ auf „unbestimmte Zeit“ verschieben müssen. 1940 wurde er verhaftet und ins Konzentrationslager Theresienstadt überstellt, wo er drei Jahre einsaß. Danach erfolgte die Deportation nach Auschwitz. Im Oktober 1944 wurde Ludwig Mayer vergast.

Heinz Mayer versuchte in die USA zu emigrieren. Obwohl er vom amerikanischen Konsulat eine Aufnahmezusage erhielt, wurde ihm eine Ausreise mit der Begründung verwehrt, dass er als „Mischling“ wehrpflichtig sei. Mayer hatte zwar eine beachtliche Summe von seinem „arischen“ Großvater geerbt, konnte jedoch nicht mehr über das Geld verfügen. Auch sein Radioapparat war zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen worden. Da er also mittellos dastand und weiterhin in Tirol bleiben musste, machte er sich auf die Suche nach einer Arbeit als Buchhalter. Das Arbeitsamt stand jedoch auf dem Standpunkt, dass für einen „Halbjuden“, der sich noch dazu gegen den nationalsozialistischen Staat betätigt hatte, nur Hilfsarbeitertätigkeiten in Frage kämen. Mayer wurde deshalb zunächst bei der Baufirma Fluckinger dienstverpflichtet. Fünf Monate später, im Februar 1940, kam er bei der Firma Franz Hotschewar, Putzerei und Färberei, als Kraftfahrer und chemischer Reiniger unter. Obwohl die NSDAP von Hotschewar wiederholt Mayers Entlassung forderte, behielt ihn dieser wegen seiner guten Arbeitsleistung.

Nachdem er bereits mehrmals von der Gestapo verhört worden war, wurde Heinz Mayer am 16. Juni 1943 im Zuge des schwebenden Verfahrens gegen ihn wegen des Verstoßes gegen das Gesetz zur Neubildung von Parteien verhaftet und in das „Arbeitserziehungslager Reichenau“ überstellt, wo er Schwerarbeit unter unmenschlichen Bedingungen zu verrichten hatte. Zwei Monate später erfolgte am 13. August 1943 die Deportation ins berüchtigte Konzentrationslager Buchenwald. Dort arbeitete er zunächst bei der Trockenlegung versumpfter Gebiete. Tag für Tag musste er todmüde durch das Lagertor mit der zynischen Aufschrift „Jedem das Seine“ schreiten. Da seine Füße gefährlich anschwollen, er aber weiterhin als arbeitsfähig angesehen wurde, kam er zum „Holzhof“. Dies sollte sich als Glück im Unglück herausstellen, da er dort die Bekanntschaft anderer Österreicher machte, unter ihnen Ludwig Zonta und Major Alfons Marincovic aus Innsbruck, die im Lager bereits Verbindungen und Funktionen hatten. So gelang es Mayer im Winter 1943/44 in die Paketstelle zu gelangen und bis zu einem Kommandoschreiber aufzusteigen. Diese Tätigkeit als „Funktionshäftling“ erhöhte nicht nur seine Überlebenschancen, er konnte mit anderen das Hinaus- und Hineinschmuggeln von Briefen und Paketen organisieren und den Widerstand im Lager unterstützen. Im Juni 1944 wurde Heinz Mayer kurzfristig nach Innsbruck überstellt, um vor dem Sondergericht wegen des noch anhängigen Verfahrens des Vorwurfs der Neubildung einer Partei bzw. wegen Geheimbündelei und Volksaufwiegelung erscheinen zu können. Am 7. Juni wurde er wegen dieser ‘Vergehen’ zu einem Jahr Gefängnis unter Einrechnung seiner fünfmonatigen Untersuchungshaft 1938/39 verurteilt. Mayer sollte bis Kriegsende im KZ Buchenwald einsitzen und die restliche Haftstrafe aus diesem Urteil nach dem Krieg antreten. Dies blieb Mayer durch die militärische Niederlage Nazideutschlands erspart – das Grauen des KZs Buchenwald überlebte er. Am 11. April 1945 verließ er das Lager als Vollinvalide. Besonders zu schaffen machte ihm ein schweres Lungenleiden.

Ein schwieriger Neubeginn

Am 8. September 1945 heiratete Heinz Mayer Margarete (Gerta) Krug-Löwy, mit der er schließlich zwei Kinder – Brigitte und Ludwig – hatte. Gerta Mayer galt während der NS-Zeit entsprechend den „Nürnberger Rassegesetzen“ als „Halbjüdin“ und arbeitete dienstverpflichtet bei Swarovski. Gleich nach seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Buchenwald übernahm Heinz Mayer die ehrenamtliche Leitung der Ortsgruppe Thaur der Widerstandsbewegung und begann sich vehement für die Interessen der Opfer des Nationalsozialismus einzusetzen. Dieses energische Engagement setzte er bis zu seinem Tod fort. Zunächst musste er allerdings zur Kenntnis nehmen, dass die Wiedereingliederung in die Tiroler Nachkriegsgesellschaft für die NS-Opfer nicht gerade einfach war. Dass er überhaupt ein Dach über dem Kopf hatte, verdankte er der Hilfe einer Bauernfamilie in Thaur. Nach drei Monaten in Freiheit hielt Mayer fest, dass er „wie die meisten meiner Leidensgenossen“ keine Arbeitsstelle hatte: „(...) ebenso erhielt ich bis heute nebst Bezugscheinen von der Fürsorgestelle nur eine einmalige Unterstützung von RM 50,- und muss so meine letzten Ersparnisse verbrauchen.“ Schließlich wurde ihm bis 1948 die kommissarische Führung der Putzerei Rett übertragen, dann leitete er provisorisch einige Jahre ein Geschäft der Nachkommen von Julius Bauer, die vor den Nazis nach Übersee geflohen waren. Immer wieder zeigte sich, dass selbst unmittelbar nach 1945 alte NS-Seilschaften weiterexistierten. Nach einem Verkehrsunfall im Juni 1946, bei dem er als Omnibusinsasse schwer verletzt wurde, verlangte die Krankenkassa eine amtsärztliche Untersuchung, der sich Mayer vehement widersetzte. Er lehnte es ab, sich „als ehemaliger politischer KZ Häftling, von einem SS Arzt Porpaczy jemals untersuchen zu lassen. Es wird keine Stelle geben, die mich zwingen kann, mich von einem Nazi untersuchen zu lassen.“ Widerstand löste die Berufung eines ehemaligen Oberst der deutschen Wehrmacht, Dellekarth, zum Leiter des Landesarbeitsamtes aus, der bereits aus der Zeit vor 1938 als „treudeutsch gesinnter Mann“ bekannt gewesen war. Auch wenn in Tirol aufgrund ihres dominanten Einflusses besonders die ÖVP für die Integration und Förderung ehemaliger NationalsozialistInnen sorgte, unterstützte auch die SPÖ, wo sie es für nützlich hielt, NS-Belastete. Den Grund für die Berufung Dellekarths sah Alfons Marincovic als Obmann des „Bundes der Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückung in Tirol“ darin, dass dieser sich „plötzlich (...) zur Sozialistischen Partei bekannt hat, die ihn zum Obmann der ‚Naturfreunde’ erkürte und es beim Sozialministerium durchgesetzt hat, dass er diese Stellung bekommt. Darüber herrscht in unseren Kreisen helle Empörung.“ Wenn in Tirol irgendein Amt oder eine öffentliche Stelle besetzt werde, so könne man „Gift darauf nehmen“, dass die Stellenbesetzung „durch einen Nazi, Nazifreund oder einen anderen Konjunkturritter erfolgt. Politische Opfer werden gar nicht befragt, wenn Stellen frei sind.“ Dellekarth wurde jedenfalls zum Leiter des Landesarbeitsamtes bestellt und Heinz Mayer als Opfervertreter in den dort angesiedelten Invalidenausschuss berufen.

Der Präsident

Wie bereits erwähnt, engagierte sich Mayer in der Widerstandsbewegung, die sich im September 1945 in „Österreichische Demokratische Freiheitsbewegung“ (ÖDFB) umbenannte, der als Landesleiter seit Juni 1945 der pensionierte Berufsoffizier des österreichischen Bundesheeres, Major a.D. Alois Molling, ehemaliges Heimwehr- und Frontmilizmitglied, vorstand. Die Mittel Mollings Politik, die darauf abzielte, den Mitgliedern seines Verbandes einen gesellschaftlichen Einfluss zu sichern, waren jedoch sehr umstritten. Es gelang ihm zwar durch intensive Werbemaßnahmen eine große Organisation aufzubauen und die Mitgliederzahl bereits bis Ende 1945 von 200 auf 5.000 zu steigern, doch strömten ihr dadurch immer mehr TirolerInnen zu, die alles andere als WiderstandskämpferInnen gewesen waren. Nach Kontaktaufnahme mit den politischen Parteien war einzig die ÖVP bereit, führende Exponenten der ÖDFB auf ihre Landtagsliste zu setzen. Schließlich zogen vier ihrer Vertreter in das Landesparlament ein, darunter Molling und Marincovic. Unter Mollings Führung entwickelten sich deutlich autoritäre Tendenzen und problematische Methoden, die nicht nur zu heftiger Kritik in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb der ÖDFB führten. Verbittert zog sich Molling schließlich zurück.

Durch die Wahl im Juni 1947 wurde die Vereinsführung völlig neu gestaltet. Heinz Mayer wurde Kassier. Als Hauptaufgabe galt nun die Erfassung aller ehemaligen NationalsozialistInnen und ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Leben. Im selben Jahr übernahm Heinz Mayer die Führung des überparteilichen „Bundes der Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückung in Tirol“, zu dessen GründerInnen er 1945 gehörte. Unter seiner Leitung und dank seiner persönlichen Integrität sowie seines enormen Engagements konnte der Verein, der sich schließlich in „Bund der Opfer des politischen Freiheitskampfes in Tirol“ umbenannte, den Anspruch erheben, mehr als 90 Prozent aller in Tirol lebenden politischen, „rassischen“ und religiösen Opfer des Nationalsozialismus sowie die ehemaligen WiderstandskämpferInnen zu vertreten. Mayer war es gelungen, die WiderstandskämpferInnen aller politischen Richtungen zu vereinen. Um den Kampf gegen antiösterreichische, antisemitische und neonazistische Umtriebe effizienter zu gestalten, war er 1959 Mitinitiator des Zusammenschlusses der wichtigsten Vereine zur Bildung der „Arbeitsgemeinschaft vaterlandstreuer Verbände Tirols“, der neben dem „Bund der Opfer“ die „Aktion gegen den Antisemitismus“, der „Bund Sozialistischer Freiheitskämpfer“,  die „Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg“, die „Österreichische Liga für Menschenrechte“ und die „ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten“ angehörten. Heinz Mayer hatte im Laufe der Zeit in mehreren dieser Organisationen führende Positionen inne. Zudem befand er sich auch im Vorstand des „Dokumentationszentrums des Österreichischen Widerstandes“ und betätigte sich auch als Mitbegründer des „Leichtathletikclubs Tirol“ (LCT). Mit seiner politischen Arbeit machte sich Heinz Mayer durchaus nicht immer Freunde, da er sich bis in die jüngste Zeit („Waldheimaffäre“, Anbringung einer Erinnerungstafel am ehemaligen Sitz der Gestapozentrale in der Innsbrucker Herrengasse usw.) nicht scheute, pointiert und klar Stellung zu beziehen. Als vehementer Gegner der Todesstrafe wurde er einmal gefragt, ob er persönlich den Nazis verzeihen könne. Mayer meinte dazu: „Ich kann all denen verzeihen, an deren Händen kein Blut klebt. Ein Verzeihen aber setzt primär ein Wiedergutmachen des angerichteten Schadens voraus.“ Drohbriefe wie der folgende waren daher keine Seltenheit:

Es wäre für Sie wohl angezeigt, sie würden mit ihrer Hetzerei endlich einmal aufhören und dem Frieden dienen, ansonsten gehen Sie zu ihren Glaubensgenossen nach Israel, wo Sie besser hinpassen anstatt in unserem Tirolerland nur Unfrieden und Hetzerei zu betreiben. Solche Leute von Juden brauchen wir Hier nicht und treiben Sie es nur nicht an die Spitze, da Sie sich damit nur selbst schädigen; der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht, auch ihre Überheblichkeit wird eines Tages gebrochen werden. Sie haben am allerwenigsten Ursache sich zu beklagen, Sie Hinterlandstachinierer, ist Ihnen im KZ nichts passiert und wurden außerdem noch reichlich und weiterhin entschädigt. (...) Also unterlasen Sie als Jude die Hetzerei in unserem Tirolerland (...). Wir werden sie weiterhin beobachten und dann darnach handeln.

Mehrere Tiroler, welche ihre Hetzerei als Friedensstörer auf die Dauer nicht ungesühnt über sich ergehen lassen.

 

Als 1990/91 infolge eines Bespitzelungsskandals durch die Staatspolizei die österreichischen StaatsbürgerInnen die Möglichkeit erhielten, in ihre Akten einzusehen, stellte sich heraus, wie sehr sich die Staatspolizei für seine Tätigkeit interessiert hatte. Sein Akt enthielt zahlreiche unrichtige Angaben. So wurde er fälschlicher Weise beschuldigt, in den 1950er Jahren für die KPÖ tätig geworden zu sein und an einer KP-Schulung teilgenommen zu haben. Angesichts des damals extrem antikommunistischen Klimas waren derartige Vorwürfe nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Staatspolizei vermerkte eine angebliche Teilnahme an einer Anti-Nato-Konferenz und hielt auch kritisch fest, dass er eine Kampagne gegen ein Treffen der ehemaligen Waffen-SS gestartet hatte. Dazu Mayer: „Eigentlich sollten dies die dazu bezahlten staatlichen Stellen tun, aber wenn eben gegen solche Treffen nichts unternommen wird, so werden die Opfer und Widerstandskämpfer dies (auch in Zukunft) tun.“ Mit der Versicherung, die Mayer betreffenden Karteikarten nun vernichtet zu haben, stellte das Ministerium fest: „Während der Jahre 1951 bis 1960 wurden offensichtlich irrtümlich Daten einer anderen Person in Ihre Vormerkungskarte eingetragen.“

Als politisch und „rassisch“ Verfolgter, der seinen Vater, Verwandte, Freunde und Freundinnen sowie sein Vermögen verloren hatte, erging es Mayer finanziell wie so vielen Opfern des Nationalsozialismus. Das Geschäft war liquidiert worden und lange Jahre musste Mayer unter großen Mühen und Anstrengungen für die rechtliche Anerkennung seiner Ansprüche kämpfen. Empört stellte er fest, dass der Gesetzgeber bei der Anrechnung von Pensionsjahren bei ehemaligen SS-Mitgliedern viel rascher und kulanter reagierte. Im März 1958 wurde ihm schließlich aufgrund seiner Invalidität die Leitung einer Trafik übertragen, die er bis April 1980 führte. Mayer entwickelte sich zu einem der kompetentesten Experten des Opferfürsorgegesetzes in Tirol. So wirkte er bei der Ausarbeitung zahlreicher Gesetze mit und vertrat in vielen Gremien die Interessen von NS-Opfern und WiderstandskämpferInnen samt ihren Angehörigen. Für seinen Einsatz und seine Verdienste erhielt er die höchsten Auszeichnungen der Republik Österreich und des Landes Tirol. Besonders stolz und befriedigt zeigte er sich, dass der Bundespräsident seinem in Auschwitz getöteten Vater 1981 posthum das Ehrenzeichen für die Verdienste um die Befreiung Österreichs verlieh. 1995, im Jahr, in dem Gerta und Heinz Mayer ihre Goldene Hochzeit feierten, erzählte er einige Tage nach der Gedenkfeier zur 50jährigen Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus, dass ihm ein Innsbrucker Arzt nach seiner Rückkehr aus Buchenwald wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes einen frühzeitigen Tod vorausgesagt hatte. Gut aufgelegt meinte er damals: „Und jetzt ist er schon lange tot und ich lebe immer noch.“ Heinz Mayer verstarb im 82. Lebensjahr am 14. März 1999 in Innsbruck.

 

Literaturhinweise:

Pitscheider, Sabine: Irma Krug-Löwy: „Im großen und ganzen haben sie mir nichts getan ...“. Überleben in einer „privilegierten Mischehe“, in: Thomas Albrich (Hg.), Wir lebten wie sie. Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg, 2. Auflage, Innsbruck 2000, S. 289-306.

Schreiber, Horst (Hg.): Jüdische Geschäfte in Innsbruck. Eine Spurensuche, Tiroler Studien zu Geschichte und Politik Bd. 1, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2001.

Schreiber, Horst: Widerstand und Erinnerung in Tirol 1938-1998. Franz Mair – Lehrer, Freigeist, Widerstandskämpfer, Innsbruck/Wien 2000.


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Abgerufen am: 24-07-2017